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Leitartikel


DER WIENER PSYCHOANALYTIKER möchte nicht nur bereits international etablierten Psychoanalytikern/Innen, sondern auch noch unbekannten Psychoanalytikern/Innen die Gelegenheit geben einen selbstverfassten, bisher noch nicht publizierten Artikel auf der Titelseite unseres Onlinemagazins zu posten!

Im Forum werden dann dazu alle User Stellung nehmen, Fragen formulieren und kommentieren können. Wir wollen dadurch einen bisher so noch nicht dagewesenen, internationalen Gedankenaustausch zwischen Psychoanalyse-Interessierten ermöglichen.
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(Werden Personenbezeichnungen aus Gründen der besseren Lesbarkeit lediglich in der männlichen oder weiblichen Form verwendet, so schließt dies das jeweils andere Geschlecht mit ein.)

Ein unerwartetes Essay (Teil I)

Autor/in: Nicholas Fox Weber

(28.06.2017)
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Wenn ein Laie psychoanalysiert wird, ist eine der erstaunlichen Überraschungen die Entdeckung der unvorhersehbaren Weise, wie etwas passiert. Ihr Fachleute mögt vielleicht sagen, dass Sequenzen von Gedanken und Ereignissen in der Tat vorhersehbar oder zumindest verständlich sind oder, wenn keines von beiden zutrifft, es analysierbar ist. Aber für diejenigen von uns, die denken, dass wir ungewöhnlich gut sind, wenn wir genügend Erkenntnis haben, um daraus rechtzeitig zu erkennen, dass wir, wenn unser Gegner beim Tennis einen geschickten Stoppball über das Netz schafft und den Ball gekonnt manipuliert hat, um ihn ganz leicht auf das Aufschlagfeld fallen zu lassen, laufen müssen als ob Höllenhunde hinter uns her sind, um den Ball noch zu erreichen und immer noch eine Chance zu haben, den Punkt zu gewinnen, sind weit weniger geschickt in unserem Alltag zu erkennen, warum ein Ereignis oder ein Gefühl zu einem anderen geführt hat. Wenn eine weitere intuitive Anerkennung von Ursache und Wirkung uns dazu bringt, den uns herausfordernden Stoppball in einem scharfen Winkel zurückzuschlagen und den Punkt zu gewinnen, sind wir überrascht, dass wir so viel scharfsinniger sind als wir dachten. Wir Laien, verstehen Sie, wissen nicht so bewusst, warum wir in unserem Leben so reagieren, wie wir es tun. Die Gründe für Reaktionen, die tiefer gehen, als die in einem Tennisspiel, entgehen uns.

Sie fragen sich vielleicht, wieso meine Analogie vom Tennis kommt. Es liegt vor allem an Ihren Fragen, zumindest in meiner Erfahrung, dass diejenigen von uns, die an den analytischen Prozess glauben, den größten Fortschritt machen. Wir werden später zu Tennis zurückkehren.

Wenn ich von einem „Laien" spreche, dann meine ich Leute wie mich, einer jener hochgebildeten, hinreichend glücklichen, neurotischen Individuen, die sich im traditionellen Sinne des Wortes der Psychoanalyse unterziehen. Um zu verdeutlichen, was dieser Satz bedeutet, werde ich Ihnen meine eigenen Besonderheiten erklären.

Beginnen wir mit "hochgebildet":

Bis zum Alter von elf Jahren war ich in einer kleinen und sehr gewöhnlichen öffentlichen (in den USA bedeutet der Begriff staatliche und frei für alle) Grundschule in einem wohlhabenden Vorort von New England während der Eisenhower Administration. Das vorherrschende Ethos war "die goldene Regel". Wir mussten das Vaterunser sagen und jedem Tag der Fahne zu salutieren. Die Erfindung des Polioimpfstoff war, wurde uns gesagt, ein Grund zum Feiern, aber für uns Kindergartenkinder war es vor allem der Anlass den durchdringenden Schmerz der Nadel, eine frühe Erfahrung eines gemeinsamen Leidens und eine gewisse Aufregung über den Stich mit diesem scharfen Instrument, der nach Alkohol riecht, zu teilen. Wir lernten den Namen "Jonas Salk" und uns wurde gesagt, dass wir trotz des miserablen Stiches in unserem jungen zarten Fleisch, ihn als den Helden, der er war, vergöttlichen sollten. Doch niemand hat sich die Mühe gemacht, uns zu erzählen, dass dieser Mann, den wir als fälschlicher Weise als "Salz" bezeichnet haben, mit Picassos muntersten und schönsten Ex-Liebhaberin verheiratet war.

Die meisten von uns besuchten auch irgendeine Form von religiösen Unterricht an den Wochenenden. Aber aus Gründen, die ich, ein halbes Jahrhundert später, noch immer nicht erklären kann, und das unterliegt dem zögernden Gerede von Freud’s Trip to Orvieto, obwohl ich in der regulären Schule sehr gut war, konnte ich absolut nicht aufpassen bei einer Form von Erziehung, die sagte: "Gott tat dies" und "Gott tat das." Was die Sonntagsschulung schlimmer machte, war die Verwendung einer unverständlichen Sprache, die umso irritierender war, weil es immer mit unerträglicher Wichtigtuerei Intoniert wurde: "Hören Sie, wie wichtig diese Worte sind, die Sie nicht verstehen". Sonntagsschule verursachte mir so starke Kopfschmerzen und Zahnschmerzen, dass ich meine Mutter anrufen musste, um mich früher abzuholen und mich nach Hause zu bringen. Die Fünf-Minuten-Fahrt in unserem Auto war so heilend, dass ich sofort zum Tennisplatz lief, nachdem ich nach Hause kam. Mein Freund Ricky, dessen Sonntagsschule in der Kongregationalismus Kirche war und der mich beim Tennisspielen kennengelernt hat, gestand mir, er dachte, dass diese Gottgeschichten für ihn auch albern sei, aber wenigstens sprach man bei ihm nur englisch.

Ich vertraue darauf, dass Sie, liebe Profis, die dies lesen, schon ahnen, wie "meschugge" dieser Schriftsteller ist. Ich könnte das vielleicht auch erkennen, aber natürlich habe ich überhaupt keine Ahnung, was das Wort "meschugge" bedeutet.

Für die nächsten zwei Jahre, war ich in einer riesigen öffentliche Junior High School, die ein ausreichend großes und vielfältiges geographisches Gebiet bediente, dass ich einen Schüler namens Finnigan entdeckte, der aus einem Arbeiterklasseviertel der Stadt mit Dreifamilienhäusern kam und der eine Bande anführte. Finnigan wusste, wie man ein Springmesser handhabt und bedrohte die Leute mit einem. Er wurde mein Held. Als ich in der Schule in die achte Klasse kam, verliebte ich mich in ein Mädchen namens Terri (Nachname bewusst zurückgehalten), auch aus einer anderen Nachbarschaft als meiner. Ihr Vater war ein sogenannter Psychiater, was ihn für meine Eltern zu einen Heiligen machte. Terri erlaubte mir mit ihr im Kino zu knutschen. Nachdem ich das schon ein paar Mal getan hatte, suchte ich den versierten Arnie Krugman auf um Coaching  zu bekommen, wie es den jetzt weiter geht. Ich werde Arnie, dessen glorreiche Freundin Nora die Klassenschönheit war,  nie vergessen, wie er auf der Foxcroft Road dahin stolzierte und mir mit seiner tiefen Stimme einen kompetenten Ratschlag gab, wie man Terris BH-Verschluss aufmachen kann. Ich bewunderte Arnie für sein Savoir-faire und seine Männlichkeit; Er hatte schon festes dunkles Beinhaar. Ich war ihm am Samstagnachmittag, nachdem ich mich beraten hatte, sehr dankbar, als ich die glorreiche Weichheit von Terris Brüsten entdeckte. Ach, sie berichtete eifrig diese Erfahrung ihrer älteren Schwester Karen. Karen sagte, dass du niemals einen Jungen küssen solltest, bis du verheiratet bist. Knutschen Beendet.

Es gab sicher keine Chance mit den Mädchen zu knutschen, denen ich bei der anderen Form der Ausbildung, die ich in denselben Jahren hatte, begegnete: wöchentliche Gesellschaftstanzkurse.

Ich schreibe dies für Sie am 14. Juni 2017. Erst letzte Woche ging ich in die Studios des National Public Radio in Hartford, Connecticut, meiner Heimatstadt. NPRs Rundfunkstudios sind auf der Asylum Avenue. Sie sehen natürlich in diesem Namen mehr, als ich es je getan habe. Ich habe nie darüber nachgedacht, was ein Asyl war, oder, wenn ich es tat, habe ich mir diese Straße nie als Asyl von irgendetwas vorgestellt. Ich weiß nur, dass der Dichter Wallace Stevens jeden Tag auf der Asylum Avenue hin und her ging, um zu der Versicherungsgesellschaft zu gelangen, wo er Direktor war. Diese lange Durchgangsstraße ist mittlerweile nirgendwo in der Nähe von Hartfords privatem psychiatrischem Krankenhaus, das wie eine Art Resort geführte Institute of Living. Das Institut bleibt ein Ort großer Faszination für diejenigen von uns, die immer schon angezogen waren von Menschen, die einen Schritt daneben und weniger funktional sind als wir; Sie werden natürlich "stationäre Patienten" genannt, während wir nur ungeduldig sind. Aber was die stärkste Erinnerung ins Gedächtnis gerufen hat in der Wegbeschreibungen von NPR, war der Hinweis auf die Woodland Street, da die Studios an der Ecke Asyl und Woodland Streets liegen. Woodland Street war, wo ich zu diesen Tanzkursen ging, die von Mr. und Mrs. John Hammond Daly gegeben wurden.

Mrs. Daly trug jede Woche ein anderes Ballkleid. Sie waren weiß und mit Pailletten bedeckt. Sie und Mr. Daly, die Abendkleider trugen (ich wurde erzogen das Wort "tuxedo" niemals zu benutzen, "es ist ein Verbrechen es zu gebrauchen") brachten uns den Foxtrott und den Walzer in ihren Whisky-reichen, rauchigen Stimmen bei. Wir Jungs mussten blaue Blazer, graue Hemden oder weiße Hemden und Krawatten tragen. Ich mochte die Uniform, aber nicht die kurzen weißen Baumwollhandschuhe, die die Jungs auch tragen mussten. Doch es war eine Herausforderung, mit diesen lächerlichen Dingern auf unseren Hände, männlich zu wirken. Sie waren immerhin obligatorisch, damit wir nicht unseren Schweiß und andere Formen von Dreck auf die Mädchen, mit denen wir tanzten, übertragen konnten.

Die Kurse der Dalys im Gemeinde- und Country-Club waren für Katholiken und Juden. Ricky ging zu Miss Mary Alice, sowie auch ein Mädchen, das ich in Freud’s Trip to Orvieto umbenannt habe und die im Buch ist, weil ihr Vater die erste Person war, die mich auf den Antisemitismus in meinem eigenen Milieu aufmerksam machte und mir verständlich machte, dass es nicht nur „Ein historisches Phänomen“ sei. Die Mutter des Mädchens hatte ihr erzählt, als sie erfuhren, dass wir zusammen waren. "Es gibt etwas über Nicky Weber das Daddy nicht mag“ und als mir meine eigenen Eltern sagten, was dieses "Etwas" war, da hat es mich fast umgehauen.

Fräulein Mary Alices Klassen, nur für Protestanten, wurden im Hartford Golf Club unterrichtet. Sie hatten die gleiche Kleiderordnung und die gleichen Tanzschritte wie die Dalys, und ich nehme an, dass auch hier die Jungen im Männerklo geraucht haben, wie ich es tat. Aber egal wie sehr sich die zwei Tanzschulen gemeinsam hatten die Strikturen blieben unversehrt.

Bevor wir in NPR verkabelt wurden, sodass ich von der Nonprofit-Organisation erzählen konnte, die ich gegründet hatte, um medizinische, pädagogische und kulturelle Unterstützung in einigen der ärmsten Teile von Senegal zu leisten, habe ich zwei der Radiojournalisten über meine Erinnerungen an diese Klassen auf Woodland Street vor einem halben Jahrhundert erzählt. Sie waren ganz erstaunt. Ich hatte keine Zeit, um ihnen zu erzählen, was gerade im letzten Jahr passiert war, als ich zu einer großartigen Dame von New Haven darüber sprach, was wir in isolierten ländlichen Dörfern für Arbeit leisten. Nach fünfzehn Minuten meines Vortragens über den Mangel an psychiatrischer Versorgung in isolierten Regionen in der Grenznähe von Mali und im Krankenhaus von Tambacounda und dann über eine pädagogische Einrichtung, die jungen Frauen eine Chance gibt, ihre Schulbildung fortzusetzen, anstatt zu heiraten und Kinder im Alter von zwölf Jahren zu bekommen, nur als ich eine Schule erwähnte, die wir in einem muslimischen Dorf bauen, sagte sie zu mir mit einem erstaunten Lächeln: "Oh, mein Lieber, bis jetzt dachte ich, Sie sagen `in der Synagoge´ mir ist erst jetzt klar geworden, dass es `in Sen-uh-gall´ heißt.“

Ich sehe jetzt, dass ich, obwohl ich nicht die Absicht hatte, irgendetwas davon Ihnen verehrten Lesern von Der Wiener Psychoanalytiker zu berichten, alles, woran ich denke scheint mich auf die Thematik von Freud‘s Trip to Orvieto zu führen, das Buch, das Margarita Bolldorf dazu veranlasste mich anzuschreiben, um mir vorzuschlagen einen Artikel für Sie zu schreiben. Warum kommen die Themen Antisemitismus, Snobismus, Männlichkeit, Macht, Wahrhaftigkeit und Sex immer wieder auf?

Ich wette, Sie wissen, warum ich Ihnen das alles erzähle. In der Tat, ich bin mir absolut sicher, dass Sie genau wissen, warum, all diese vielen Worte später, ich immer noch auf meinem ersten Satz zurückkehre. Der Grund, warum ich meine Gedanken auf diese Weise walten lasse, ist, dass meine Leser entweder Psychoanalytiker sind oder Menschen mit einer Leidenschaft für Psychoanalyse. Für mich seid Ihr der wahre McCoy, der in Wien ist; das Schreiben für euch ist etwas besonders wie das Essen von einer Sachertorte im Sacher (wie ich es vor ein paar Jahren mit größter Freude getan habe). Sie gehören zum inneren Heiligtum und seid in ihrer Hauptstadt. Ich wurde noch nie zuvor darum gebeten, für eine solch vielversprechende Gruppe von Lesern zu schreiben. Sicher, ich habe in der New York Times, Vogue, Le Monde, The New Yorker und anderen Orten veröffentlicht (wie Sie sehen, kann ich niemals aufhören, mich vor Ihnen beweisen zu wollen), aber die sind nicht dasselbe; In deren Fällen stelle ich mir meinen durchschnittlichen Leser als Frau unter einem lauten Fön vor. Ich bin ganz vom Thema weggekommen und habe vergessen (ja, vergessen, und ja, ich weiß, dass das keine Kleinigkeit ist), welches Thema ich mit Ihren Redakteuren vereinbart hatte, aber ich finde es genial. Wie befreiend es ist, Amok zu laufen. Mein Gott!

So jetzt habe ich - gerade in dieser Minute - den Papierkram gefunden, der das Thema enthielt auf das sich Margarita Bolldorf und ich zunächst geeinigt hatten. Ich schrieb Ihrer freundlichen Redakteurin, "ich möchte über meinen Gebrauch von psychoanalytischen Artikeln über Piet Mondrian und Paul Klee in meinem Arbeiten von Biographien von beiden schreiben. Ein Untertitel könnte sein: "Die Vorteile für einen Kunstschriftsteller, eine unerschrockene Tochter zu haben, die in der Tavistock-Bibliothek herumgräbt." Sie stimmte dem Thema zu. Aber als ich mich heute Morgen hinsetzte, übermannte mich eine andere Macht. Es ist in meiner ansonsten unerklärlichen Interjektion der Worte "Mein Gott!" Am Ende des vorigen Absatzes zusammengefasst.

Was passiert war, ist dass ich mit Ihnen als Publikum den sehr großen Luxus und die Freiheit erlebe, die ich in meiner eigenen Psychoanalyse kennen gelernt habe - mit einem Arzt, dessen Rolle in meinem Leben die eines Gottes war. Er war, und natürlich haben wir das sehr erforscht, mein Gott. Er war auch "Gott", wie ich ihn mir zum ersten Mal vorstellte, als diese allumfassende Gottheit in meinem Leben von einem weißhaarigen Rabbiner vertreten wurde, dessen ersten beiden Namen die Initialen "A.J." hatten.

Aus diesem Grund habe ich in den ersten Monaten der Analyse immer wieder den gleichen Fehler gemacht mit den mittleren Initialen des weißbärtigen Analytikers, der mich behandelte. Ich habe es irrtümlich zu einem "L" gemacht und nicht zu einem "J". Er hat mich dazu gebracht, die Wichtigkeit dieses Fehlers zu erkennen und mich auf die Probleme, die ich mit den Rabbiner hatte, aufmerksam zu machen. Ich dachte, dass Rabbi A.J. Feldman die Macht hatte, alles über mich zu wissen und über mich mit einer absoluten Überzeugung von Recht und Unrecht richten. Nun, angeblich ein Erwachsener, nachdem ich in den späten dreißiger Jahren mit meiner Psychoanalyse begonnen hatte, dachte ich, dass Dr. Albert J. Solnit die gleiche Macht hatte. Ich wollte, dass er sie hat und ich wollte auch, dass er alle wichtigen Entscheidungen für mich in meinem Leben trifft.


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