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Leitartikel


DER WIENER PSYCHOANALYTIKER möchte nicht nur bereits international etablierten Psychoanalytikern/Innen, sondern auch noch unbekannten Psychoanalytikern/Innen die Gelegenheit geben einen selbstverfassten, bisher noch nicht publizierten Artikel auf der Titelseite unseres Onlinemagazins zu posten!

Im Forum werden dann dazu alle User Stellung nehmen, Fragen formulieren und kommentieren können. Wir wollen dadurch einen bisher so noch nicht dagewesenen, internationalen Gedankenaustausch zwischen Psychoanalyse-Interessierten ermöglichen.
Aktuelle Textsprache ist Deutsch und/oder Englisch.

Bei Interesse, Ihre Zusendungen bitte an:
leitartikel@derwienerpsychoanalytiker.at


(Werden Personenbezeichnungen aus Gründen der besseren Lesbarkeit lediglich in der männlichen oder weiblichen Form verwendet, so schließt dies das jeweils andere Geschlecht mit ein.)

IM GESPRÄCH MIT

Autor/in: TODD RAYMOND DUFRESNE / DWP

(31.05.2017)
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In unserer Interviewreihe "im Gespräch mit" stellen wir kurz die Autoren der Leitartikel vor.
Damit wollen wir unseren Usern die Möglichkeit geben, die Leitartikel auch aus einer anderen Perspektive heraus lesen zu können.


Diese Woche freuen wir uns ganz besonders Todd Raymond Dufresne aus Thunder Bay, Ontario in Kanada zu begrüßen:

Akademische Qualifikationen:
1991-1997 Doktor der Philosophie, soziales und politisches Denken, York University, Toronto.
1990-1992 Master of Arts, soziales und politisches Denken, York University, Toronto.
1985-1989 Bachelor of Arts, Philosophie, Universität von West Ontario, London.

Berufliche Zugehörigkeit:
Professor für Philosophie, Lakehead University

DWP: Was brachte Sie dazu sich mit der Psychoanalyse zu beschäftigen, beziehungsweise mit Freud und seinen Errungenschaften?

Todd Raymond Dufresne: Von der Perspektive eines Praktizierenden bin ich zu Freund und der Psychoanalyse rückwärts gekommen – als Akademiker. Ich lernte erstmal über Freuds Arbeit als Student in Philosophie, hatte aber nicht die Absicht, als Doktorand mit der Psychoanalyse zu arbeiten. Ich dachte, ich würde die Arbeit des amerikanischen Schriftstellers Thomas Pynchon erforschen! Aber meine Pläne veränderten sich angesichts der sozialen und kulturellen Bedingungen, die ich als Student im Sozial- und Politischen Denken an der York University in Toronto erlebt habe. Was ich dort herausfand, war, dass eine gute Anzahl meiner Kollegen nicht nur an der Psychoanalyse arbeiteten, sondern in psychoanalytischer Therapie waren. Da einige von ihnen anspruchsvolle und interessante Leute waren, wurde ich auch fasziniert. Es war in gewisser Weise, wie ein Dominoeffekt und ich war wie ein Fisch ohne Wasser. Obwohl ich mich heute in Toronto am meisten zu Hause fühle, wurde ich in einer kleinen Stadt in Northern Ontario geboren in einer typischen Familie der Arbeiterklasse, besuchte die High School in einer kleinen Stadt ein paar Stunden entfernt und verdiente dann meinen BA an der University of Western Ontario - eine große Traditionelle Universität in London, Ontario. Als ich 1990 die Schule abschloss, stand eine Reihe von Ideen, welche am Rande der Traditionen waren, im Mittelpunkt aller Überlegungen in York. Also nicht nur, dass ich nicht in diese Kultur hineingepasst habe, ich fühlte mich auch nicht mehr sehr radikal!

Im ersten Jahr meines MA nahm ich ein Diplom-Seminar, das von dem Soziologen John O´Neil über Freuds "Kleiner Hans" geführt wurde - und wurde dann immer weiter in Freuds Werk hingezogen. Letztendlich verteidigte ich eine Forschungsarbeit über Freud und blieb für die Promotion, wo ich noch ein Seminar über Freud und die Post-Freudianer von Don Carveth, einem Toronto-Soziologen und Laienanalytiker, absolvierte. Ich habe auch einen Lesekurs mit Paul Roazen, dem Freud-Historiker und Kritiker besucht und war sein Lehrassistent in den frühen bis zur Mitte der 1990er Jahre. Es war durch Roazen, dass ich den französischen Philosophen Mikkel Borch-Jacobsen traf, mit dem ich eine lange professionelle und freundschaftliche Beziehung hatte.


DWP: Haben Sie sich je einer Psychoanalyse unterzogen?

Todd Raymond Dufresne: Nein. Ich bin an Freud genauso herangegangen, wie ich an Platon oder Nietzsche herangegangen bin, nämlich als Denker. Ich war ein "Theoretiker" während der aufregenden 1990er Jahre und interessierte mich mehr für den französischen Poststrukturalismus als für die Therapie. Natürlich war Freud selbst auch weniger interessiert in Therapie als in Theorie. Mein Freud ist also der Freud der Ideen, der Rebell, der dunkle romantische Ansprüche in der Sprache der Wissenschaft, Biologie und Positivismus vorrückte. Gleichzeitig versuche ich nicht, die Implikationen in der realen Welt von Freuds Theorien zu ignorieren. Ich werde hier nicht darauf herumreiten, aber es ist auch erwähnenswert, dass Freud selbst die "Freud’sche" Analyse nicht wirklich praktizierte. Als Roazen uns gelehrt hat, fühlte sich Freud vollkommen frei, seine eigenen Regeln und Techniken über die praktische Psychoanalyse zu brechen. Regeln waren für andere.


DWP: Wenn Sie die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Sigmund Freud hätten, was würde wohl zum Thema werden. Gibt es konkrete Fragen?

Todd Raymond Dufresne: Hmm. Da gebe es viel zu diskutieren! Ich sollte wahrscheinlich sagen, dass ich den Todestrieb mit ihm besprechen würde, nachdem das seit langen meine Spezialität ist. Andererseits muss ich gestehen, dass ich lieber mit ihm ohne irgendeine Agenda sprechen würde. Ich würde ihn gerne im Büro treffen, oder noch besser am Esszimmertisch mit seiner Familie. Ich würde gerne lauschen, wenn er über seine Kollegen und Patienten redet. Aber wenn ich mich auf ein Thema festlegen müsste, dann würde ich gerne mehr über seine Beziehungen mit Martha und Minna wissen – und wie viel, oder ob diese Beziehungen überhaupt einen Einfluss auf seine Theorien hatten.


DWP: Stoff- oder Ledercouch?

Todd Raymond Dufresne: Da fragen Sie den Falschen. Allerdings würde ich Stoff wählen, weil er besser atmet.


DWP: Ganz nach Bruno Bettelheim, der auf die Bedeutung vom Märchen hinwies. Verraten Sie uns Ihr Lieblingsmärchen? Und erkennen Sie Parallelen zur Entwicklung Ihres Lebens?

Todd Raymond Dufresne: Lieblingsmärchen? Ich bin nicht mit Märchen aufgewachsen. Meine Eltern haben mir nie welche vorgelesen und obwohl wir die Standard Bücher besaßen – Wörterbücher, leicht zugängliche Enzyklopädien von Funk & Wagnall bzw. ein jährliches update über die aktuellen Events durch Reader’s Digest – war ich nie einer der irgendeine Art von klassischer Literatur lass. Ich habe Comicbücher gelesen, die Lustigen und die über Superhelden. In der Tat glaube ich, dass mein Schreibstil dadurch beeinflusst wurde. Auch meine `akademischen´ Schriften scheinen mehr anspruchsvolle Konversationen zu sein, wo ich Gegensätze und unvollständige Sätze benutze, die ich dann mit ein bisschen Leben, Getratsche, Anekdoten und Vulgarität würze. Ich ziele auf Unmittelbarkeit ab und vergesse nie die Bedürfnisse meiner Leser. Mein Motto als Schriftsteller, glaube ich zumindest, ist "POW".

Was die Parallelen zu meinen Erwachsenen Dasein betrifft – das ist hart festzustellen. Vielleicht die Idee einer geheimen Identität? Immerhin ist die Universität nicht unbedingt ein Ort, nicht einmal in Nordamerika, für so einen Plebejer wie mich. Natürlich weiß ich, dass diese Idee in sich selbst nur von meiner Eitelkeit zeugt und reine Comicbuch Fantasie ist, da ich vielleicht ein Außenseiter bin, aber sicherlich kein Superheld. Aber, naja ich werfe mal diese Aussage vor die Füße von Euch Psychoanalytikern und wir könne mal sehen was ihr davon haltet……….


DWP: Ich träume…..

Todd Raymond Dufresne: Ich nehme an wie jeder andere.


DWP: Was finden Sie an der Psychoanalyse gut bzw. besonders gut und gibt es etwas was Sie an ihr nicht mögen?

Todd Raymond Dufresne: Freud war unglaublich neugierig, ehrgeizig und fachübergreifend. Ich bewundere diese Eigenschaften sehr. Er tolerierte keine Idioten und lebte sein Leben wie er es wollte. Natürlich wurde seine Offenheit gegenüber anderen Disziplinen nicht immer von seinen Anhängern geteilt – und nicht nur aus offensichtlichen Gründen, die man selbst nachvollziehen kann. In der Tat, sind die besten Anhänger meistens ihren eigenen Weg gegangen und haben dadurch vielleicht Freud erst recht zu sehr nachgeahmt! Freud war so frei, wie keiner seiner Anhänger es je war. Das hier fasst zusammen was an der Psychoanalyse gut und schlecht ist. In ihrer Bestform ist die Psychoanalyse ökumenisch, neugierig und tolerant; Sie ist auch intellektuell, fantasievoll und kreativ. In ihrer schlimmsten Form ist sie dogmatisch, ideologisch und zensorisch. Aber wie die Volksweisheit schon sagt `niemand glaubt er selbst sei ein Arschloch´. Ähnlich schwelgt kein Dogmatiker in seinem eigenen Dogmatismus. So ist der Unterschied zwischen den besten und den schlimmsten Aspekten der Psychoanalyse manchmal nur eine kleine Verschiebung zwischen Selbstkritik und Selbstzufriedenheit. Aber das ist nicht nichts! Selbstkritisch zu sein ist wirklich das, was es im Grunde bedeutet, ein anständiger Intellektueller zu sein. Freud lag bei vielen Dingen falsch, aber seine grundlegende Haltung gegenüber Spekulation bedeutet, dass er immer etwas daran gedreht und überarbeitet hat und seine Ideen, wie er es für richtig hielt, angepasst hat. Andere waren oft nicht erlaubt, oder waren nicht geneigt, dasselbe zu tun.


DWP: Haben Sie ein Lieblingszitat von Freud?

Todd Raymond Dufresne: Ich mag diesen Satz von Studien über Hysterien, über das `hysterisches Elend in gemeines Unglück zu verwandeln´. Aber ich bevorzuge seine mehr teuflischen Bemerkungen. Sicherlich eins meiner Lieblinge darunter gehört zu Heinrich Heine, einen deutschen Dichter der im selben Jahr starb, als Freud geboren wurde und den Freud selbst auch zitiert in einer Fußnote in Das Unbehagen in der Kultur. Es ist in fast jeder Hinsicht einfach Freudianisch:

„Ich habe die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene Hütte, ein Strohdach, aber ein gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der Tür einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, läßt er mich die Freude erleben, daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie mir im Leben zugefügt — ja, man muß seinen Feinden verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt werden." (Kapitel 5)

Dank Heine, Freud hätte es gar nicht besser ausdrücken können.


DWP:  Außer Sigmund Freud, gibt es Psychoanalytiker mit denen Sie sich auch gerne auseinandersetzen?

Todd Raymond Dufresne: Ich habe eine ziemliche Vielfalt in diesem Bereich gelesen. Aber ich werde hier spezifisch gefragt, ob es andere Psychoanalytiker gibt, mit denen ich mich gerne `auseinandersetze‘. Meine Antwort lautet `nicht wirklich´! Aber ich kann etwas hilfsbereiter und großzügiger sein, als das. I denke Theodore Reik ist ein Schriftsteller, der es wert ist gelesen zu werden. Erich Fromm‘s frühe Werke sind auch erwähnenswert. Ich habe immer sein kleines Buch, Sigmund Freud’s Mission geliebt. Otto Rank wird unterbewertet und ist trotz allem sehr interessant. Sein Buch `Der Doppelgänger‘ zum Beispiel ist sehr gut und maßgeblich für Freud. Das gleiche gilt für Jung, dessen frühen Werke Freud beeinflusst haben, aber immer noch verboten sind unter Freud Gelehrten. Lacan ist in einer Philosophie Klasse nützlich, aber er ist auch sehr frustrierend; Die "Rückkehr zu Freud" ist wirklich nur eine Rückkehr zu Lacans eigenen sich ständig verändernden Hobbys. Aber am Ende - würde ich sagen, dass es einen Denker gibt, der hin-und-wieder-Analytiker François Roustang, der meiner Meinung nach unübertroffen in dem Bereich ist. Seine gesammelten Essays, wie Dire Mastery, sind oft hervorragend, wunderbar geschrieben, klug und rigoros. Also ja, ich genieße es, ihn zu lesen - vielleicht sogar mehr als Freud. Das ist in der Tat ein großes Lob. Denn Freud war all diese Dinge und war auch witzig. Allerdings gibt es einen großen Unterschied zwischen dem, mit dem ich mich ´gerne´ auseinandersetze‘ und mit dem, dass ich brauche. Ich folge dem Pfad, wo immer er mich auch hinführt, und so lese ich am Ende viele Dinge, die ich gar nicht lesen will. Freud ist in dieser Hinsicht mein Vorbild, sowohl als jemand, den ich berufsbedingt folgen muss, während er von Feld zu Feld springt und auch als jemand, der mir zeigt, wie Freiheit für einen Intellektuellen aussieht. Freud dachte in großem Stil und zielte auf noch größer ab und obwohl ich mein intellektuelles Leben damit verbracht habe, über ihn zu lesen und zu schreiben, denke ich, dass er uns auch lehrt, zu versuchen, auch zu denken und große Ziele zu haben. Aber für uns selbst. Freuds letzte Lektion für uns ist mehr, als das was er sagte und glaubte. Es geht auch um das intellektuelle Leben, das er geführt hat - der Witz, seine Beispiele, Warzen und alles. Wenn das stimmt, dann gewinnt man Freud nur, indem man den Freudianismus verliert. Und wenn das stimmt, dann ist der Kritiker der treueste Vatermörder von allen. Die Ironie ist natürlich auch vollkommen "Freudianisch".


Herzlichen Dank für dieses Gespräch, wir freuen uns bereits jetzt Alle auf Ihren Leitartikel!



Publikationen: (i) Bücher
2017 The Late Sigmund Freud: Or, The Last Word on Psychoanalysis, Society, & All the Riddles of Life, Cambridge: Cambridge University Press.
2007 Against Freud: Critics Talk Back, Stanford: Stanford University Press.
2003/06 Killing Freud: 20th Century Culture & the Death of Psychoanalysis, London & New York: Continuum Books; reissued in September 2006. Translated into Chinese and Indonesian.
2000 Tales From the Freudian Crypt: The Death Drive in Text and Context, with a Foreword by Mikkel Borch-Jacobsen, Stanford: Stanford University Press. Translated into Japanese.
(ii) Edited Collections
2016 Sigmund Freud’s Civilization and Its Discontents, ed. and intro. T Dufresne, trans. G Richter, Peterborough: Broadview Books.
2012 Sigmund Freud’s The Future of an Illusion, ed. and intro. T Dufresne, trans. G Richter, Peterborough: Broadview Books.
2011 Sigmund Freud’s Beyond the Pleasure Principle, ed. and intro T Dufresne, trans. G Richter, Peterborough: Broadview Books.
1997 Returns of the "French Freud": Freud, Lacan, & Beyond, edited and intro. T Dufresne, New York and London: Routledge.
(iii) Kapitel in Büchern
2016 “Frank Cioffi (1928-2012),” Oxford Dictionary of National Biography, Oxford University Press
2013 “Sigmund Freud.” In Oxford Bibliographies Online: Childhood Studies. Ed. Heather K. Montgomery. New York: Oxford University Press, 2013.
2006 “Sigmund Freud, 1856-1939,” in New Makers of Modern Culture, revised edition, ed. J. Wintle, London: Routledge, Vol. 1
(iv) Artikel und Rezensions Artikel in referierten Zeitschriften
2013 “The Making of a “Freud Basher”: Or, Reflections of a “Supercilious Neurotic,” in The European Legacy, vol. 19, no. 1 (February)
2007 “Psychoanalysis Eats Its Own: Or, The Heretical Saint Roazen,” in Psychoanalysis and History, ed. J. Forrester, 9(1): 93-109.
2003 “What’s Next for Psychoanalysis?,” The Semiotic Review of Books, Special Issue, vol 13.1 (Jan).
2001 “Retour à Delboeuf - Un entretien de Todd Dufresne avec Mikkel Borch-Jacobsen,” (in French translation), Ethnopsi, no. 3, October: 69-87.
1996 “L´histoire de la psychanalyse - ragot, fiction ou histoire de l´histoire de la psychanalyse?” SCANSIONS: Actualités de l´interrogation freudienne, French trans. S. Schauder, Numéro spécial, Décembre 1996, no. 6/7: 5.
1995 “Joseph Wortis - notorischer Anti-Psychoanalytiker,” Werkblatt, German trans. Marina Leitner, nr.34: 90-118.
1995 “Jones on Ice: Psychoanalysis and Figure Skating,” with G. Genosko, The International Journal of Psychoanalysis, 76: 123-133.


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