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Leitartikel


DER WIENER PSYCHOANALYTIKER möchte nicht nur bereits international etablierten Psychoanalytikern/Innen, sondern auch noch unbekannten Psychoanalytikern/Innen die Gelegenheit geben einen selbstverfassten, bisher noch nicht publizierten Artikel auf der Titelseite unseres Onlinemagazins zu posten!

Im Forum werden dann dazu alle User Stellung nehmen, Fragen formulieren und kommentieren können. Wir wollen dadurch einen bisher so noch nicht dagewesenen, internationalen Gedankenaustausch zwischen Psychoanalyse-Interessierten ermöglichen.
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(Werden Personenbezeichnungen aus Gründen der besseren Lesbarkeit lediglich in der männlichen oder weiblichen Form verwendet, so schließt dies das jeweils andere Geschlecht mit ein.)

Hemingways Eisberg

Autor/in: Sabrina Zehetner (DWP)

(03.05.2017)
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Les années folles. Im Paris der Zwischenkriegszeit traf sich die „lost generation“ und begründete die Moderne. Das Subjektive, die Narration des Selbst, Klassizismus und Sexualität standen im Zentrum des Zeitgeists, der die Psychoanalyse beeinflusste und von ihr beeinflusst wurde. Hemingways iceberg theory repräsentiert eine Art des Denkens in einer Epoche des Umbruchs. 

Hemingway, les années folles und die Psychoanalyse

Nach dem ersten Weltkrieg wurde die „lost generation“ von Desillusion und zugleich existentiellen, aus dem Kriegstrauma geborenen Nihilismus beherrscht. Freud führte unter anderem den Begriff der „Kriegsneurose“ ein und veröffentlichte zusammen mit anderen namhaften Psychoanalytikern wie Ernst Simmel 1919 das Buch „Psycho-Analysis and the War Neurosis“.  Die Literatur dieser Zeit spiegelt die Kriegserfahrung und ihre Folgen wieder – sowohl stilistisch als auch inhaltlich. Tod, Kampf und Verlust waren für viele Schriftsteller essentielle Leitmotive und nicht wenige Literaten verfielen dem Alkohol – darunter auch Hemingway oder F. Scott und Zelda Fitzgerald, die für ihre Eskapaden und lasterhafte Lebensweise bekannt waren. Wer Hemingways Schreibstil mag, der findet vermutlich auch Gefallen an John Steinbeck, Ezra Pound, Raymond Carver, William Faulkner, James Joyce, Arthur Miller und Joseph Conrad. Wie in der Psychoanalyse, stand für die Autoren der Zwischenkriegszeit das Subjektive im Fokus des Denkens. Sie alle experimentierten mit Sprache und ihrem unbewussten Inhalt und machten Sexualität zum Thema. Diese intellektuelle Offenheit war in der amerikanischen Gesellschaft nicht gerne gesehen und veranlasste – neben dem ausgesprochen günstigen Wechselkurs - viele Intellektuelle nach Paris auszuwandern, wo das Klima weitaus unorthodoxer war. Paris wurde im Laufe der 1920er Jahre mit der Gründung der Pariser Psychoanalytischen Vereinigung im Jahr 1926 zu einem Zentrum der Psychoanalyse. Freuds Theorien beeinflusste die Strömung des Modernismus und schaffte mit seinem Werk den Rahmen für modernes Denken. Er interpretierte die Welt nach dem ersten Weltkrieg zusammen mit Darwin und anderen Gelehrten neu. Nachdem die Psychoanalyse in den USA zuerst weitgehend ignoriert wurde, war sie in den 1920er Jahren kaum aufzuhalten und drohte sogar die Experimentalpsychologie zu verdrängen. Im England der Zwischenkriegszeit praktizierte Virginia Woolfs Bruder Adrian Psychoanalyse, während Woolfs Freunde Alix und James Strachey Freuds Werke übersetzten.  

In einem Interview mit Lillian Ross für den New Yorker erwähnt Hemingway die Psychoanalyse: “(An) analyst once wrote me, “What did I learn from psychoanalysts?” I answered, “Very little but hope they had learned as much as they were able to understand from my published works”.  Hemingway nannte seine Schreibmaschine seinen „Therapeuten”, auch wenn er nicht daran zu glauben schien, dass er selbst für eine tatsächliche Analyse geeignet war. Hinter Hemingways vermeintlich simplem Schreibstil stecken viele Stunden redaktioneller Arbeit und persönliche Geschichte. Kein Wort ist Zufall, sondern Ergebnis eines langwierigen Auswahlprozesses. Hemingway begann seine schriftstellerische Karriere wie sein Vorbild Rudyard Kipling als Journalist. Redaktionelle Arbeit hat im bestem Falle wenig mit Emotion und viel mit unbeteiligtem Beobachten zutun – ein Ideal, das sich unter anderem in einem ausgesprochen ökonomischen und informationszentrierten Schreibstil äußert. Komplexe Sachverhalte verständlich zu machen macht guten Journalismus aus. Als Kriegsveteran war Hemingway das Kind eines turbulenten Zeitalters und war - wie viele seiner Kollegen – ein exzentrischer Zeitgenosse. Hemingways Mentorin Gertrude Stein („A rose is a rose is a rose“) ermutigte ihn dazu stilistisch simpel und klar zu schreiben. Stein selbst hatte zuvor Medizin und Psychologie bei ihrem Freund und Lehrer William James studiert und auch wissenschaftliche Experimente durchgeführt. William James galt als unkonventioneller Professor und war als Pragmatiker der Überzeugung, dass die tatsächliche Erfahrung einer Sache wichtiger sei als das reine Wissen über eine Sache. Die Methode des „Gedankenflusses“ und automatischem Schreibens beeinflusste Steins Schreibstil und somit auch Hemingway. Ebenso wie bei Hemingway, verweist Steins Schreibstil auf den latenten, unbewussten Inhalt einer Geschichte.

Der Eisberg

Das Eisbergmodell, angelehnt an Freuds Theorien über das Unbewusste, ist nicht nur in der Psychoanalyse eine Berühmtheit. Freud selbst erfand die Eisberg-Metapher nicht, aber es ist bis heute unklar, wer das Bild des Eisbergs zuerst verwendete. Andere Disziplinen haben es in der Vergangenheit häufig adaptiert und neu visualisiert. Besonders die Kommunikationswissenschaftler nutzten den Eisberg zur Veranschaulichung ihrer Theorien, aber auch in der Wirtschaftswissenschaft ist das kulturelle Eisbergmodell fixer Bestandteil der Unternehmenskultur. Es ist nicht bekannt, ob Hemingway sich in seiner „iceberg theory“ bewusst auf Freud bezog, aber Freuds Theorien waren allgegenwärtig und es ist naheliegend, dass Hemingway von Freuds Theorie des Unbewussten gehört hatte. In einem Interview mit The Paris Review erklärt Hemingway:

“I always try to write on the principle of the iceberg. There is seven-eighths of it underwater for every part that shows. Anything you know you can eliminate and it only strengthens your iceberg. It is the part that doesn’t show. If a writer omits something because he does not know it then there is a hole in the story.” 

In “Death in the Afternoon” schreibt er: “If a writer of prose knows enough about what he is writing about he may omit things that he knows and the reader, if the writer is writing truly enough, will have a feeling of those things as strongly as though the writer had stated them. The dignity of movement of the iceberg is due to only one-eighth of it being above water.”

Der Schreibstil gibt dem Leser die Freiheit und die Möglichkeit die Tiefe, das Unbewusste des Textes selbst zu ergründen. Er erlaubt Spielraum für eigene Gedanken und Interpretationen und stellt den Leser auf selber Augenhöhe mit dem Autor. Beim Abendessen mit Freunden wettete Hemingway der Legende nach um zehn Dollar, dass er eine Kurzgeschichte in sechs Wörtern auf eine Serviette schreiben konnte. Das Ergebnis gilt bis heute als extremes Beispiel für die „theory of omssion“:

FOR SALE:

BABY SHOES,

NEVER WORN.

Für Ernest Hemingways war Prosa „architecture, not interior design“.  Um die Inneneinrichtung hat sich der Leser sozusagen selbst zu kümmern. Er bevorzugte Nomen und Verben und vermied Adjektive und Adverbien. Das Wiederholen von Wörtern und Phrasen ist dem Einfluss Gertrude Steins geschuldet. Die Sätze sind klar formuliert, die Verbindungen zwischen den Sätzen fehlen jedoch häufig. Die Fragmentierung war ein weit verbreitetes Stilmittel unter den Vertretern der Moderne. Die Vorstellungskraft des Lesers sollte damit angeregt werden, der diese „kreative Leere“ füllt und den Text auf eigene Faust analysiert. Auf einer Metaebene ergründet der Leser auf diese Art die eigenen Tiefen des persönlichen Eisbergs und analysiert sich selbst. Welche Gedanken und Emotionen habe ich beim Lesen? Wie interpretiere ich die Handlungen der Protagonisten?  Die persönliche, subjektive Wahrnehmung und Realität färben den Text. Der Leser wird Mitautor, beeinflusst somit die Geschichte und den Kontext des Geschriebenen vor dem Hintergrund der individuellen Lebenswelt und lernt dadurch die eigene, sich selbst bewusst gemachte Perspektive kennen.


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