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Leitartikel


DER WIENER PSYCHOANALYTIKER möchte nicht nur bereits international etablierten Psychoanalytikern/Innen, sondern auch noch unbekannten Psychoanalytikern/Innen die Gelegenheit geben einen selbstverfassten, bisher noch nicht publizierten Artikel auf der Titelseite unseres Onlinemagazins zu posten!

Im Forum werden dann dazu alle User Stellung nehmen, Fragen formulieren und kommentieren können. Wir wollen dadurch einen bisher so noch nicht dagewesenen, internationalen Gedankenaustausch zwischen Psychoanalyse-Interessierten ermöglichen.
Aktuelle Textsprache ist Deutsch und/oder Englisch.

Bei Interesse, Ihre Zusendungen bitte an:
leitartikel@derwienerpsychoanalytiker.at


(Werden Personenbezeichnungen aus Gründen der besseren Lesbarkeit lediglich in der männlichen oder weiblichen Form verwendet, so schließt dies das jeweils andere Geschlecht mit ein.)

Die Satire auf der Couch

Autor/in: Sabrina Zehetner (DWP)

(01.03.2017)
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Liebe LeserInnen!

DER WIENER PSYCHOANALYTIKER freut sich darüber heute den ersten Artikel unserer Redakteurin Sabrina Zehetner publizieren zu können.


Viel Freud beim Lesen!

Satire als Enfant Terrible ist in Zeiten des Internets und politischen Konflikten allgegenwärtig. Zugleich blickt auf eine lange Tradition im Westen zurück. Wie die Psychoanalyse, macht sie Tabus und menschliches Handeln zum Thema - die Satire auf der Couch.


Satire 2.0

The John Oliver Show, SNL, The Stephen Colbert Report, The Onion und die Cartoons von Kate Beaton, the New Yorker und Charlie Hebdo - die Liste moderner Satire ist lang und vielschichtig. Die Motive der Satiriker und Satirikerinnen sind so bunt gemischt wie die satirischen Inhalte selbst. Es ist nicht überraschend, dass die westliche Satire – wie der Großteil europäischer Kulturgeschichte - ein Kind antiker griechischer Poeten ist. Am englischen Hof waren es zumeist Aristokraten wie z.B. der berühmt berüchtigte John Wilmot (The 2nd Earl of Rochester), die es sich erlauben durften, sich über den Adel und seine Gewohnheiten lustig zu machen. Dabei standen die satirischen Werke in ihrer Obszönität ihren modernen Nachfolgern in nichts nach. In Frankreich, dem Geburtsort der Karikatur, wurden politische Karikaturisten wie Charles Philipon im 17. Jahrhundert verfolgt und hinter Gittern gebracht. Während der französischen Revolution, weckte Satire allerdings zusehends das politische Interesse in der Bevölkerung und wirkte dadurch mitunter emanzipatorisch. Als der Hof aufhörte das kulturelle Zentrum darzustellen, die Leserschaft heterogener wurde und man begann die Kunst als unabhängig zu betrachten, veränderte sich auch die Satire. Sie wurde Teil des medialen Mainstreams und erfreute sich regelmäßiger Publikation. Die Zeiten großer satirischer Werke von Swift, Pope und Molière gehören allerdings der Vergangenheit an und wurden mit dem Beginn des Internets durch Memes und Late-night TV ersetzt. Politiker, die rund um die Uhr unter medialer Beobachtung stehen, werden immer häufiger zur Zielscheibe- das Web 2.0 verlangt Authentizität und verfolgt sie im selben Atemzug.


Die Eigenschaften der Satire

Das Ziel der Satire ist es Grenzen auszutesten. Für Freud war diese Form des „tendenziösen Witzes“ unter anderem ein Ausdruck von unterdrückter Aggression. Das Wort Satire wird in seinem Werk Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten nur ein einziges Mal genannt. Freud konzentriert sich auf den Witz, der jedoch nicht zwangsläufig mit der Satire gleichzusetzen ist. Satire ist mitunter feindselig, kann z.B. Autorität verletzen und verwunden, aber sie ist sich dessen im Gegensatz zum Witz immer bewusst. Satire lockt das Unterdrückte und Unbewusste aktiv aus seinem Versteck heraus. Das verbindet sie mit der Psychoanalyse. So macht horatische Satire oftmals mit Selbstironie sowohl den Alltag als auch über menschliche Eitelkeiten und Unzulänglichkeiten zum Thema. In Kontrast dazu ist juvenile Satire harsch, überaus kritisch, bissig und scheut sich nicht vor direkter Konfrontation. Fälschlicherweise wird die Satire oft mit Satyr gleichgesetzt, doch sie ist weder etymologisch noch kulturgeschichtlich gleichbedeutend mit Satyr. Allerdings findet sich das Obszöne relativ häufig in harscher Satire, welche die Kirche und ihr Verhältnis zur Sexualität kritisiert. Der Satyr selbst ist oft subversiver Teil der Satire – als Personifikation ungezügelter, die jegliche Form von Tugendhaftigkeit angreift und auszumerzen versucht. Gute Satire kombiniert Humor mit informierter Kritik und weil Kritik auch immer unangenehm ist, liegt es in ihrer Natur Unbehagen auszulösen. Sie gefällt allerdings nur dann, wenn ihre Ironie von ihrem Publikum auch als solche verstanden wird. Das tut sie unter anderem dann nicht, wenn das Publikum politisch oder moralisch anders denkt. Wird die Ironie verkannt oder der moralische Gehalt ironisch als ein weiteres Konstrukt präsentiert, ist die Satire als soziale Kritik nicht mehr effektiv und kann sogar als Beispiel für Umstände dienen, welche sie kritisieren will.  Was gefällt jedoch an einer Kunstform, die oft als obszön, feindselig und geschmacklos betrachtet wird? Moderne Kritiker beziehen sich in ihren Analysen unter anderem auf Freud. Der sadistische Lustgewinn des Publikums und des Satirikers besteht dabei für viele aus der rhetorischen Gewalt der Satire.  Andere sind wiederum der Meinung, dass die freigesetzte Aggression unter bewusster Kontrolle den eigentlichen Lustgewinn darstellt. Die Psychoanalyse hat sich der Satire allerdings nie ausdrücklich angenommen, was angesichts der Thematik und Aktualität überrascht.

‘I started a joke which started the whole world crying’

In der griechischen Mythologie verkörperte Momus den Spott und die Zensur. Zeus wurde die ständige Kritik von Momos jedoch zu bunt und er verbannte ihn letztendlich aus dem Olymp. Als die französischen Könige die buffons verboten, ersetzte sie die französische Gesellschaft mit unabhängigen Autoren. Um der Zensur zu entgehen, bedienten sich Satiriker gerne der Maskerade - Jean de La Fontaine portraitierte die französische Gesellschaft in Fables in Gestalt von Tieren. Auch heute sind Satirikerinnen weltweit Opfer von Zensur und Morddrohungen, denn sie stellt häufig die Autorität und den Narzissmus politischer Machthaber, Religionen und politischen Gruppen in Frage. Diese narzisstische Kränkung und subjektiv wahrgenommene Demütigung kann zu Gewalt führen. Im Fall von Charlie Hebdo endete dies im Tod von zwölf Mitarbeitern des Magazins – darunter auch die berühmte Lacansche Psychoanalytikerin und „Charlie Divan“-Kolumnistin Elise Cayat -  und löste eine heftige Debatte über die Grenzen von Satire aus.  Es liegt in der Natur des Enfant terrible, das es gesellschaftliche Tabus und Grenzen benötigt, die es herausfordern kann. Im besten Fall liegt ihr Mehrwert in der Selbstreflektion, die sie unentwegt einfordert, während schlechte Satire einer Farce gleicht, die jegliches Zeichen von Authentizität zur Zielscheibe macht und dabei selbst zu einem narzisstischen Akteur wird. Die Psychoanalyse kann mit ihrer Expertise ein neues Licht auf die Gattung und ihren Protagonisten werfen – vermutlich ist sie mit ihren Lösungsansätzen der Satire in vielen Fällen sogar voraus.

Quelle:
Griffin, D. H. (1994). Satire: A critical reintroduction. University Press of Kentucky.


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