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Leitartikel


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(Werden Personenbezeichnungen aus Gründen der besseren Lesbarkeit lediglich in der männlichen oder weiblichen Form verwendet, so schließt dies das jeweils andere Geschlecht mit ein.)

Der Mann, der sein Leben einem Traum verdankte
Im Gedenken an Felix de Mendelssohn

Autor/in: Moritz Senarclens de Grancy

(12.10.2016)
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Felix de Mendelssohns plötzlicher Tod nach kurzer, schwerer Krankheit hat Verwandte, Freunde, Kolleginnen und Kollegen tief erschüttert. Mit ihm verlieren wir einen großen europäischen Intellektuellen, zugleich einen engagierten Psychoanalytiker, der sich Zeit seines Lebens für die Vermittlung des Freudschen Werkes in Kultur und Gesellschaft starkgemacht hat.

Als Sohn des Publizisten Peter de Mendelssohn und der Kulturkorrespondentin, Literaturkritikerin und Romancière Hilde Spiel kam Felix de Mendelssohn 1944 in London zur Welt. Die Eltern waren 1936 wegen der antisemitischen Politik Österreichs aus Wien geflohen - ein Schicksal, mit dessen Folgen sich de Mendelssohn zuletzt noch 2006 in dem Buch Flucht in die Freiheit auseinandersetzte. Nach der Rückkehr nach Wien in den 1960ern ließ sich Felix de Mendelssohn zum Psychoanalytiker und Gruppenanalytiker ausbilden. Im Laufe der Jahre war er nicht nur als Kliniker psychoanalytisch tätig, sondern auch als Buchautor und im Rahmen zahlreicher institutioneller Funktionen: De Mendelssohn war Mitglied des Beirats der Sigmund Freud Privatstiftung und Abteilungsvorstand für Psychoanalyse an der Sigmund Freud Privatuniversität, unterrichtete in Kiew, Tel Aviv, Tokio und natürlich in Wien, dort auch als Dozent für Rolleninterpretation und Ästhetik am Max-Reinhardt-Seminar für Darstellende Künste.

Zweiter Wohnsitz de Mendelssohns war Berlin, wo er mit seiner Frau, der US-amerikanischen Philosophin Susan Neiman, lebte. Noch in diesem Sommer begegnete ich ihm dort bei einer Buchpräsentation. Er las aus Der Mann, der sein Leben einem Traum verdankte: Ein Traumforscher erzählt, und ich durfte ihn einmal mehr als einen mitreißenden Vortragenden erleben, der es verstand, sein Publikum mit ausdrucksstarken Bildern in seinen Bann zu ziehen. Später dann, beim Italiener in Wilmersdorf, wollten alle am liebsten neben ihm Platz nehmen. Worin lag die Faszination, die von de Mendelssohn ausging? Wer mit ihm zu tun hatte, erfuhr bald die ausgesprochene Liebenswürdigkeit, mit der er bei aller Streitbarkeit seinen Mitmenschen begegnete und die einem stets die Gewissheit gab, es mit einem besonderen Gegenüber zu tun zu haben.

Natürlich sprachen wir über den Traum. Dieses Kardinalthema der Psychoanalyse Freuds hatte es ihm zeitlebens angetan, weshalb er nie müde wurde, in seinen Büchern, Reden, Interviews, Gruppenanalysen und Seminaren auf die Relevanz der Traumdeutung für ein tieferes Verstehen der menschlichen Seele hinzuweisen. Seiner umfassenden Kenntnis des Freudschen Werks war es auch geschuldet, dass er dessen Wesen und Denken in zahlreichen Zeitschriftenbeiträgen eben auch jenseits des klinischen Rahmens zur Anwendung bringen konnte.

In diesem Jahr war auch sein Essayband Über den Zerfall erschienen, den de Mendelssohn noch im Juni gemeinsam mit Walter Famler von der Zeitschrift Wespennest im Sigmund Freud Museum zur Diskussion stellte. Thema des Buchs ist die Vergänglichkeit der Dinge, die Fragilität der menschlichen Seele und der unaufhaltsame Zerfall des Körpers, um den jeder Mensch weiss und den er doch zugleich oftmals verleugnet. Ein trostspendendes Buch und eine wegweisende Brücke für jene, die nicht aufhören, nach einer inneren Haltung zu suchen, um der Wahrheit ins Auge zu blicken; und - vielleicht - auch eine Art Abschiedsgeschenk an alle, die Felix de Mendelssohn lieben, schätzen, schmerzhaft vermissen.


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