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Leitartikel


DER WIENER PSYCHOANALYTIKER möchte nicht nur bereits international etablierten Psychoanalytikern/Innen, sondern auch noch unbekannten Psychoanalytikern/Innen die Gelegenheit geben einen selbstverfassten, bisher noch nicht publizierten Artikel auf der Titelseite unseres Onlinemagazins zu posten!

Im Forum werden dann dazu alle User Stellung nehmen, Fragen formulieren und kommentieren können. Wir wollen dadurch einen bisher so noch nicht dagewesenen, internationalen Gedankenaustausch zwischen Psychoanalyse-Interessierten ermöglichen.
Aktuelle Textsprache ist Deutsch und/oder Englisch.

Bei Interesse, Ihre Zusendungen bitte an:
leitartikel@derwienerpsychoanalytiker.at


(Werden Personenbezeichnungen aus Gründen der besseren Lesbarkeit lediglich in der männlichen oder weiblichen Form verwendet, so schließt dies das jeweils andere Geschlecht mit ein.)

IM GESPRÄCH MIT

Autor/in: MORITZ POHLMANN

(14.09.2016)
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In unserer Interviewreihe "im Gespräch mit" stellen wir kurz die AutorInnen der Leitartikel vor.
Damit wollen wir unseren Lesern die Möglichkeit geben, die Leitartikel auch aus einer anderen Perspektive heraus lesen zu können.
Diese Woche haben wir die große Ehre, dass ein Autor bereits zum zweiten Mal für uns schreibt.
Daher die Vorstellung seinerseits heute leicht abgeändert zu der vom ersten Mal.
Moritz Pohlmnn‘s erstes Interview können Sie, liebe Leser, HIER nachlesen!  
Moritz Pohlmnn‘s ersten Artikel finden unsere eingeloggten User HIER


Wir freuen uns ganz herzlich darüber wieder Moritz Pohlmann aus Freiburg, Deutschland begrüßen zu dürfen:

Geboren in Freiburg-D. Studium der Psychologie mit den Schwerpunktfächern Klinische Psychologie und Sozialpsychologie an den Schweizer Universitäten Fribourg und Bern. Pohlmann absolviert eine tiefenpsychologisch-analytische Weiterbildung am Universitätsklinikum Freiburg und ist nach mehrjähriger Kliniktätigkeit – zuletzt an der Sigma-Klinik  in Bad Säckingen – nun in einer Freiburger Beratungsstelle und in ambulanter therapeutischer Praxis tätig. 

Zitate zu den Schwierigkeiten, die sich dem, was man als (ödipale) Reife der Persönlichkeit nennen kann, entgegenstellen können 

„So nahm sie nach der Art aller unbefriedigten Mütter den kleinen Sohn an Stelle ihres Mannes an und raubte ihm durch die allzu frühe Reifung seiner Erotik ein Stück seiner Männlichkeit.“ (aus: Freud,S. (1910). Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. Frankfurt a.M.: Fischer, S. 187.)

Freuds Schilderung beschreibt eine Sozialisationserfahrung, die meiner Beobachtung nach für immer mehr Jungen prägend ist: In einer pseudo-partnerschaftlichen Beziehung ohne väterlich-grenzsetzend-wegweisendes Drittes werden sie übermäßig erhöht und stimuliert, aber von niemandem in die Welt eingeführt. Ihre Schlachten in den martialischen Computerspiel-Welten des Kinderzimmers einerseits, ihr Hockenbleiben zuhause, wenn sie eigentlich längst ausgezogen sein könnten andererseits, ist dann der Kompromiss, das mütterliche Schloss zu halten und gleichzeitig loszuziehen, an der Brust zu bleiben und gleichzeitig ihr Mann-und Krieger-Sein zu beweisen.

„Die Erfahrung und die Anerkennung der Begrenzung prä-ödipaler und ödipaler Grandiositätsvorstellungen sind die Voraussetzung für eine reife Persönlichkeitsentwicklung, die nach der Adoleszenz schließlich auch die begrenzte Möglichkeit eröffnet, eine konstante sexuelle Partnerschaft mit nur einem einzigen Partner einzugehen. Um einen Menschen lieben zu können, muss man Abschied nehmen von den vielen grandiosen Optionen und Ersatzbefriedigungen vor allem medialer Art, die die Moderne den Heranwachsenden zur Verfügung stellt.“ (aus: Dammasch, M. (2008). Vaterlose Jungen zwischen Größenphantasien und Verfolgungsangst. In: Dammasch, F. (Hrsg.): Jungen in der Krise. Das schwache Geschlecht? Psychoanalytische Überlegungen. Frankfurt am Main: Brandes & Apel, S. 142.)

Wenn wir die vermeintliche Beziehungsunfähigkeit junger Patienten beklagen, uns über sie ärgern, mit ihnen fühlen, neigen wir in der therapeutischen Szene immer wieder dazu, die Entstehungsbedingungen hierfür einseitig in ihrem familiären Mikrokosmos zu verorten. Wenn wir sogenannte prä-ödipale Störungen ausschließlich an familiären Bedingungen festmachen, übersehen wir in meinen Augen jedoch, dass der die heutigen Lebenswirklichkeiten prägende Konsumkapitalismus, die immanente Struktur moderner Kommunikationsmedien – hierauf gehe ich in meinem Artikel ein -, aber auch die in unserer Zeit dominanten progressiven politischen Meta-Narrative die Grundelemente ödipaler Erfahrung unterlaufen: die Unausweichlichkeit und Notwendigkeit von Grenzen; die Forderung von Verzicht und Opfern; das Erleben von positiven historisch verankerten und alltagsnah erlebbaren Identifikationsmöglichkeiten und Leitbildern. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, erscheinen reife ödipale Strukturen schon fast als etwas Unzeitgemäßes, da sie auch  auf der Fähigkeit basieren, sich den herrschenden gesellschaftlichen Trends ein Stück weit zu entziehen und ihrem Verführungsangebot zu widerstehen.

„Da die moderne Gesellschaft die Erfahrung der Abhängigkeit bis ins Erwachsenenleben hinein verlängert, fördert sie mildere Formen von Narzissmus auch bei Menschen, die sich sonst womöglich mit den unausweichlichen Grenzen ihrer persönlichen Freiheit und Macht ausgesöhnt hätten – Grenzen, die im Wesen der Condition humaine liegen -, indem sie Fähigkeiten als Arbeiter oder Eltern entwickelt hätten...Während er obendrein überwältigende Phantasien von Omnipotenz fördert, entwertet der neue Paternalismus bescheidenere Träume, lässt die Fähigkeit zu zweifeln verkümmern und verbaut den Zugang zu harmlosen Ersatzbefriedigungen, vor allem in Kunst und Spiel, die das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins – typisch narzisstische Merkmale – zu lindern vermögen.“ (aus: Lasch, C. (1995). Das Zeitalter des Narzissmus. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, S. 323-324).

Psychoanalytiker äußern sich zuweilen geringschätzig über kürzere Therapien und Therapieausbildungen. Diese kratzten doch nur an der Oberfläche, bemerken sie kritisch. Ich habe von Lehranalytikern gehört, die die Beendigung der Lehranalyse auch nach der 400. Stunde für verfrüht hielten. In einem Vortrag von Martin Teising vernahm ich, dass nur ein geringer Anteil älterer Psychoanalytiker/innen Regelungen für den Fortgang ihrer Praxis im Falle des eigenen Todes getroffen haben. In Zusammenhang mit der in meinem Artikel thematisierten Frage, wie sehr Kommunikationstechnologien Reifungsprozesse behindern, müssen wir, denke ich, auch selbst-kritisch fragen:

Wie oft lassen wir in der analytischen Praxis– vielleicht auch weil wir mit zunehmender Zeit immer mehr an ihnen hängen und sie und uns schonen wollen - Patienten zu spät los und versäumen es dadurch, sie auf die Welt ohne uns rechtzeitig vorzubereiten? 

Und: Kann auch auf psychoanalytische Ausbildungsinstitutionen manchmal zutreffen, was Lasch mit „neuem Paternalismus“ identifiziert: dass sie entgrenzte (Selbst-) Ansprüche und damit verbundene narzisstische Ängste verfestigen und Abhängigkeiten etablieren, die die Kandidaten davon abhalten, rechtzeitig die Lebens-Praxis mit ihren enttäuschend-kränkenden Grenzen zu wagen und dadurch zugleich den Mut fassen zu lernen, ihr eigenes (berufliches) Handeln selbst zu verantworten?


Herzlichen Dank für diese Einführung, wir freuen uns bereits jetzt Alle auf Ihren Leitartikel!



Kontakdaten des Autors:
Moritz Pohlmann


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