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Leitartikel


DER WIENER PSYCHOANALYTIKER möchte nicht nur bereits international etablierten Psychoanalytikern/Innen, sondern auch noch unbekannten Psychoanalytikern/Innen die Gelegenheit geben einen selbstverfassten, bisher noch nicht publizierten Artikel auf der Titelseite unseres Onlinemagazins zu posten!

Im Forum werden dann dazu alle User Stellung nehmen, Fragen formulieren und kommentieren können. Wir wollen dadurch einen bisher so noch nicht dagewesenen, internationalen Gedankenaustausch zwischen Psychoanalyse-Interessierten ermöglichen.
Aktuelle Textsprache ist Deutsch und/oder Englisch.

Bei Interesse, Ihre Zusendungen bitte an:
leitartikel@derwienerpsychoanalytiker.at


(Werden Personenbezeichnungen aus Gründen der besseren Lesbarkeit lediglich in der männlichen oder weiblichen Form verwendet, so schließt dies das jeweils andere Geschlecht mit ein.)

IM GESPRÄCH MIT

Autor/in: EMILIO MODENA / DWP

(24.08.2016)
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In unserer Interviewreihe "im Gespräch mit" stellen wir kurz die Autoren der Leitartikel vor.
Damit wollen wir unseren Usern die Möglichkeit geben, die Leitartikel auch aus einer anderen Perspektive heraus lesen zu können.

 
Diese Woche freuen wir uns ganz besonders Emilio Modena aus Zürich, Schweiz zu begrüßen:

Geb. 1941 in Neapel, seit 1950 in der Schweiz. Medizinstudium an der Universität Zürich, danach 5 Jahre als Allgemeinarzt tätig. Psychoanalytische Ausbildung am PSZ, Privatpraxis seit 1974, Dozent und Supervisor seit 1977, Gründung der Stiftung für Psychotherapie und Psychoanalyse 1979. Zahlreiche Veröffentlichungen zur psychoanalytischen Ausbildung, Triebtheorie und Narzissmus, Psychoanalyse und Politik (Bibliographie siehe www.psychoanalyse-stiftung.ch).

 

DWP: Was brachte Sie dazu sich mit der Psychoanalyse zu beschäftigen, beziehungsweise mit Freud und seinen Errungenschaften?

Emilio Modena: Es gab in meiner Adoleszenz und im frühen Erwachsenenalter zwei Motive. Auf der einen Seite die Idealisierung meines Grossvaters (stief-)väterlicherseits, Rudolf Brun, der als Neurologe, Psychoanalytiker und Ameisenforscher noch ein richtiger Privatgelehrter und eine eindrückliche Persönlichkeit war. Ich besitze noch heute sein Forschungsmikroskop. Auf der anderen Seite meine Neugier, die sich sowohl auf die Biologie, als auch auf Soziologie und Politik richtete. Ich entdeckte die Psychoanalyse als Bindeglied zwischen beiden Bereichen.


DWP: Wenn Sie die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Sigmund Freud hätten, was würde wohl zum Thema werden. Gibt es konkrete Fragen?

Emilio Modena: Ich würde ihm zuerst herzlich zu seiner andauernden Aktualität gratulieren und ihm erzählen, dass eine Robotiker-Arbeitsgruppe, die in Wien an der TU über künstliche Intelligenz forscht, sein Modell des psychischen Apparates für ihre weitere Arbeit übernommen hat (Bruckner, D. et alt. [2013]: ARS: Eine technische Anwendung von psychoanalytischen Grundprinzipien für die Robotik und Automatisierungstechnik, in: Psychoanalyse im Widerspruch Nr. 50 [Psychosozial-Verlag]).

Dann würde ich seine Annahmen zur weiblichen Entwicklungslinie ansprechen, die für mich einen eigenständigen Charakter hat (der Penis-Neid ist nur phasenspezifisch, es gibt eine dem Penis/Phallus ebenbürtige clitorido-vaginale Sexualität, und das weibliche Über-Ich ist nicht weniger ausgeprägt als sein männliches Pendant). Von da ausgehend würde ich versuchen, Freud für eine Diskussion der Triebtheorie zu gewinnen. Es würde aber bestimmt schwierig werden, ihn von seiner Hypothese eines Todestriebes abzubringen, welcher ich eine Entwicklungslinie der Aggression als gesunder Lebenskraft entgegensetze – die Energie der Selbsterhaltung nenne ich in Analogie zur Libido Aggredo. Wenn der Herr Professor dann noch Geduld hätte – ich würde auf seine Altersweisheit zählen -, möchte ich noch seine Religionskritik in Fortsetzung seines Meinungsaustausches mit Romain Rolland in Frage stellen: Religiosität (nicht Religion oder Kirche) ist eine anthropologische Konstante. Man kann nicht nicht glauben.


DWP: Stoff- oder Ledercouch?

Emilio Modena: Ich bevorzuge Leder, allerdings weiches Leder. Ursprünglich hatte ich auf der Couch eine von einer befreundeten Textilkünstlerin gearbeitete Patchworkdecke aus weichem Ziegenleder und entsprechende breite und gemütliche Sessel. Als all das nach vielen Jahren zerschlissen war, schaffte ich mir eine moderne Couch und Sessel mit glatter Leder-Oberfläche an. Ich denke, dass ich auf diese Art meinen PatientInnen sowohl Geborgenheit als auch den für die Arbeit notwendigen Abstand biete.


DWP: Ganz nach Bruno Bettelheim, der auf die Bedeutung vom Märchen hinwies. Verraten Sie uns Ihr Lieblingsmärchen? Und erkennen Sie Parallelen zur Entwicklung Ihres Lebens?

Emilio Modena: Es gibt eine ganze Reihe faszinierender Märchen, besonders wenn man auch solche aus anderen Kulturen mit einbezieht. Aus dem deutschsprachigen Bereich gebe ich dem „Froschkönig oder der Eiserne Hans“ in der Fassung der Gebrüder Grimm den Vorzug, mit welchem ich mich auch analytisch tiefer eingelassen habe. Es ist eine wunderbare Adoleszenten-Geschichte, in welcher die Prinzessin und der Prinz sich spiegelbildlich von ihren primären inzestuösen Bindungen an den Vater respektive an die Mutter befreien. Man bedenke den Mut des Frosches, der den schützenden Brunnen, der ihm zum Gefängnis geworden ist, verlässt und sich zum Königsschloss aufmacht. Und den Mut der jungen Frau, die sich über die Gebote des Vaters hinwegsetzt und in einem wütenden aggressiven Akt den widerlichen Lurch an die Wand schmeisst – und so den schönen und potenten Liebhaber gewinnt.

Ich selbst habe meine Schüchternheit erst während meiner persönlichen Analyse bei Paul Parin überwinden können.
 

DWP: Ich träume…

Emilio Modena: … also bin ich! Da ich eine starke Verdrängungsneigung habe, erinnere ich nur selten Nachtträume, von denen mir allerdings einige unvergesslich geblieben sind. Um so mehr liebe ich Wachträume und die Rêverie.
 

DWP: Was finden Sie an der Psychoanalyse gut bzw. besonders gut und gibt es etwas was Sie an ihr nicht mögen?

Emilio Modena: Die Psychoanalyse ist eine Wissenschaft sui generis, welche die bis heute konsistenteste Theorie des psychischen Apparates (ich könnte auch sagen: der Seele) herausgearbeitet hat. Sie ist historisch, weil sie die Menschen auf Grund ihrer persönlichen Trieb- und Objekt-Entwicklung versteht, und sie ist materialistisch, weil sie keinerlei Anleihen an ein wie auch immer geartetes Jenseits macht. Sie ist auch grundsätzlich gesellschaftskritisch, indem sie keine Ideologien gelten lässt, sondern diese als Rationalisierungen auf ihren irrationalen Gehalt zurückführen kann. Sie hat denn auch als einzige Psychologie eine Technik hervorgebracht, die es ermöglicht, das Unbewusste zu erreichen und ins Bewusste überzuführen. Damit ist die Psychoanalyse als kritische Theorie des Subjektes dazu geeignet, den Marxismus als kritische Theorie der Gesellschaft sinnvoll zu ergänzen.

Was ich nicht mag, ist der Konservativismus vieler PsychoanalytikerInnen, die aus der kritischen Wissenschaft ein Anpassungsinstrument an die herrschenden Verhältnisse gemacht haben.


DWP: Welchen Herausforderungen mussten Sie sich während Ihrer analytischen Ausbildung stellen?

Emilio Modena: Als Mitglied der Zürcher Plattform-Gruppe musste ich lange Jahre gegen den selbstgerecht autoritären Führungsstil der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse (SGP) ankämpfen, bis 1977  aus dem alten Psychoanalytischen Seminar Zürich (PSZ) endlich eine freie und basisdemokratische Institution wurde. In meinen Lehrjahren auf und hinter der Couch brauchte ich sehr lange – fünf bis zehn Jahre – bis ich meinen persönlichen Arbeitsstil gefunden hatte, bei dem ich mich sicher fühlte.

 
DWP: Haben Sie ein Lieblingszitat von Freud?

Emilio Modena: „Als ´Tiefenpsychologie´, Lehre vom seelisch Unbewussten, kann sie (die Psychoanalyse, E.M.) all den Wissenschaften unentbehrlich werden, die sich mit der Entstehungsgeschichte der menschlichen Kultur und ihrer grossen Institutionen wie Kunst, Religion und Gesellschaftsordnung beschäftigen.“ Die Frage der Laienanalyse, GW XIV, S. 283.

 
DWP: Ausser Sigmund Freud, gibt es Psychoanalytiker mit denen Sie sich auch gerne auseinandersetzen?

Emilio Modena: Letztes Jahr habe ich zusammen mit Robert Heim (Frankfurt a.M.) ein Buch herausgegeben, in welchem wir versucht haben, Alfred Lorenzer und Jacques Lacan – bzw. ihre SchülerInnen – aufeinander zu beziehen: Heim, R. und Modena, E. (Hg.) 2015: Jacques Lacan trifft Alfred Lorenzer. Über das Unbewusste und die Sprache, den Trieb und das Begehren, Giessen (Psychosozial-Verlag).


Herzlichen Dank für dieses Gespräch, wir freuen uns bereits jetzt Alle auf Ihren Leitartikel!


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