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Leitartikel


DER WIENER PSYCHOANALYTIKER möchte nicht nur bereits international etablierten Psychoanalytikern/Innen, sondern auch noch unbekannten Psychoanalytikern/Innen die Gelegenheit geben einen selbstverfassten, bisher noch nicht publizierten Artikel auf der Titelseite unseres Onlinemagazins zu posten!

Im Forum werden dann dazu alle User Stellung nehmen, Fragen formulieren und kommentieren können. Wir wollen dadurch einen bisher so noch nicht dagewesenen, internationalen Gedankenaustausch zwischen Psychoanalyse-Interessierten ermöglichen.
Aktuelle Textsprache ist Deutsch und/oder Englisch.

Bei Interesse, Ihre Zusendungen bitte an:
leitartikel@derwienerpsychoanalytiker.at


(Werden Personenbezeichnungen aus Gründen der besseren Lesbarkeit lediglich in der männlichen oder weiblichen Form verwendet, so schließt dies das jeweils andere Geschlecht mit ein.)

IM GESPRÄCH MIT

Autor/in: MORITZ POHLMANN / DWP

(07.06.2016)
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In unserer Interviewreihe "im Gespräch mit" stellen wir kurz die Autoren der Leitartikel vor.
Damit wollen wir unseren Usern die Möglichkeit geben, die Leitartikel auch aus einer anderen Perspektive heraus lesen zu können.


Diese Woche freuen wir uns ganz besonders Moritz Pohlmann aus Freiburg, Deutschland zu begrüßen:

Geboren in Freiburg-D., Studium der Psychologie mit den Schwerpunktfächern Klinische Psychologie und Sozialpsychologie an den Universitäten Fribourg und Bern. Nach dem Studium Aufnahme einer tiefenpsychologisch fundierten Weiterbildung am Heidelberger Institut für Psychotherapie. Seit Abschluss der 18-monatigen psychiatrisch-psychosomatischen Tätigkeit an drei Kliniken und Wechsel in die tiefenpsychologisch-analytische Weiterbildung am Psychosomatischen Klinikum Freiburg ist er seit 2013 in der Sigma-Klinik für Akutpsychiatrie tätig. Ab Juli 2016 wird er in einer Freiburger Beratungsstelle und in ambulanter therapeutischer Praxis tätig sein. Pohlmann veröffentlichte Texte für Aware und die Sigma-Akademie. Neben seiner psychoanalytischen Ausbildung absolviert Pohlmann zurzeit einen Lehrgang zum Boxtrainer.



DWP: Was brachte Sie zur Psychoanalyse?

Moritz Pohlmann: Die Zeit, die ich mit einem Mann namens Peter verbrachte, hatte einen wichtigen Anteil daran. Peter war „resident“ eines Hauses in Irland, in dem ich nach dem Abitur ein Jahr lang ehemalige Obdachlose betreute. Mit  Peter, der nach einer Trennung abgestürzt war,  führte ich stundenlange Gespräche,  in denen es um die eigenen Lebensverläufe, die Hoffnungen, die großen Fragen, die kleinen Dinge und Erfahrungen des Alltags ging. Manchmal schwiegen wir auch nur und hörten dem Blubbern des Fischaquariums zu, das in der Zimmerecke stand. Die Wirkung geteilter Nähe und gegenseitigen Zuhörens zu erfahren, war für mich damals eine heilsam-beglückende Erfahrung , die mich auch dazu brachte, Psychologie studieren zu wollen. In dieser  Zeit begann ich auch psychologische Schriften intensiver zu lesen, zunächst vor allem von existentiell-orientierten Autoren: Ernest Becker,  Viktor Frankl, Irvin Yalom.  Deren Grundgedanke, dass neurotisches Leiden immer auch ein Ringen mit Grundfragen menschlicher Existenz unter den Bedingungen der jeweiligen Zeit und der individuellen Entwicklungsgeschichte des Patienten ist, hat mir schon damals sehr zugesprochen.


DWP: Wenn Sie die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Sigmund Freud hätten, was würde wohl zum Thema werden. Gibt es konkrete Fragen?

Moritz Pohlmann: Wenn ich jetzt ein Gespräch mit Freud führen könnte, würde ich mit ihm über Fragen sprechen, die mir zurzeit besonders unter den Nägeln brennen. Wir haben in der Gesellschaft mittlerweile ein Jungen- und Männerproblem. Sie driften immer mehr ins Abseits. Jeder achte zehnjährige Junge trägt in Deutschland mittlerweile die Diagnose ADHS; Jungen und junge Männer dominieren unter den Problemschülern, den Schul- und Studienabbrechern;  viele scheinen sich nur noch in Computerwelten annäherend zuhause zu fühlen; andere verwahrlosen in Straßenbanden und verirren sich in erschreckender (Selbst-)Destruktivität. Natürlich sind die Ursachen hierfür vielfältig. Mich beschäftigt aber insbesondere die Frage: Hat diese Entwicklung auch damit zu tun, dass im Konsumerismus und Progressivismus der kriegsversehrten westlichen Gesellschaften die sogenannten thymotischen  Strebungen - Beherztheit, Ehrgeiz, Stolz -  viel zu wenig Berücksichtigung finden? Sind uns die positiven Männlichkeitsvorstellungen und Leitbilder abhanden gekommen, um diese thymotischen Potentiale, die in Jungen und Männern nach Entfaltung drängen, noch angemessen wahrnehmen und positiv kanalisieren zu können? Und: Ich glaube, dass diese thymotisch-heroischen Strebungen bei den Pionieren der Psychoanalyse zwar besonders stark ausgeprägt waren, dass sie selbst und ihre Nachfolger in der psychoanalytischen Community diese Kräfte jedoch viel zu sehr theoretisch erotisiert und letztlich trivialisiert, ihnen jedenfalls keinen gebührenden Platz zugewiesen haben. Sloterdijk hat hierauf in „ Zorn und Zeit“ hingewiesen: „Zwar formuliert sie (die PA) ein respektables Bildungsprogramm für die Psyche, das die Transformation der sogenannten narzisstischen Zustände in reife Objektliebe zum Ziel hat. Es kam ihr nie in den Sinn, einen analogen Bildungsweg für die Hervorbringung des stolzen Erwachsenen, des Kämpfers und Ambitionsträgers, zu entwerfen.“ Mich würde interessieren, was Freud hierauf entgegnen würde.


DWP: Stoff- oder Ledercouch?

Moritz Pohlmann: Ich weiß nicht, ob der Unterschied so entscheidend ist. Wir sollten nicht nur an die Couch denken, sondern z.B. auch an die Pflanzen im Zimmer. Mir ist zuletzt schon wieder ein Bäumchen eingegangen, ein liebgewonnener Rasierpinselbaum. So etwas sollte nicht passieren.


DWP: Ganz nach Bruno Bettelheim, der auf die Bedeutung vom Märchen hinwies. Verraten Sie uns Ihr Lieblingsmärchen? Und erkennen Sie Parallelen zur Entwicklung Ihres Lebens?

Moritz Pohlmann: Der Teufel mit den Drei Goldenen Haaren. Meine Mutter ist Schauspielerin in einem Freiburger Theater,  einem ehemaligen, kurz nach meiner Geburt zum Theater umgebauten Schwimmbad, in dem sie während  der Schwangerschaft mit mir noch schwimmen gegangen war. Die Stücke werden dort im alten Schwimmbecken aufgeführt, als Zuschauer sitzt man ganz nah am Geschehen um die Becken-Bühne herum. Im Teufel mit den drei Goldenen Haaren spielte sie die Großmutter des Teufels, die dem  Knecht das Leben schenkt, ihm zu den drei goldenen Haaren verhilft, ihn aber dann auch ziehen lässt. Ich sah das musikmächtig inszenierte, jahrelang über hunderte Male aufgeführte Stück als Junge dutzende Male und war immer berauscht. Wenn ich heute an Bezüge zu meinem Leben nachdenke, so kommt mir: Im Märchen geht es auch um die irreduziblen Wirkkräfte des „Es-Wissen und Wagen-Wollens“ , die unterschiedlichen und beiderseits so notwendigen (goldenen) mütterlichen und väterlichen Weitergaben für das Kind; die Bedeutung von Gnade; die hoffnungsspendenden Möglichkeiten von nicht-katastrophal verlaufenden Ablösungsprozessen und nicht-zerstörerischen Kämpfen. Das sind sicherlich auch Lebensthemen von mir. 


DWP: Ich träume…..


Moritz Pohlmann: …nicht immer nur vergnügt, aber ich freue mich doch fast immer, wenn ich einen Traum nach dem Aufwachen behalten kann. Solange man träumt, ist man den Dingen nicht gänzlich ausgeliefert. Die eigene Traumfabrik beschenkt einen auch mit einem tröstlichen Freiheitserleben.


DWP: Was finden Sie an der Psychoanalyse gut bzw. besonders gut und gibt es etwas was Sie an ihr nicht mögen?


Moritz Pohlmann: Durch ihr Zusammenbringen des Leidens des Neurotikers bzw. des „Verrückten“ und der großen anthropologischen Fragen hat sie das Verstehen vertieft und die Grundlage für eine besondere Weise des Zuhörens gelegt, die von Verstehenslust und Demut zugleich geprägt ist. In deser Hinsicht geht von der Analyse eine große humanitäre Kraft aus. 

Was mir nicht gefällt: eine Psychoanalyse, die (ihre) Grenzen nicht anerkennen will. Ich glaube, die psychoanalytische Community ist manchmal sehr der Versuchung verfallen, das bei Freud angelegte tragische Menschenbild  über Bord zu werfen und sich mit einem progressiven Selbstverständnis zu identifizieren. Vom progressiven Ross aus hat sie unrealistische Vorstellungen von Selbstverwirklichung, Beziehung und Erziehung und ihrer indefiniten Verbesserbarkeit mit-geschürt, die dem praktischen Leben mit seinem „gemeinen Unglück“, wie Freud es nannte, seinen Einschränkungen und Grenzen Hohn spotten. Ich frage mich, ob sie damit zu der Verunsicherung, Verantwortungsohmacht,  Bindungs- und Lebensangst, die für unsere narzisstische Zeit so kennzeichnend ist, mit-beigetragen hat und immer noch manchmal beiträgt.


DWP: Welchen Herausforderungen mussten Sie sich während Ihrer analytischen Ausbildung stellen?


Moritz Pohlmann: Ich wurde während meiner Ausbildung Vater. Die zeitliche und finanzielle Belastung der Ausbildung einerseits,  als Mann und Vater da sein wollen andererseits und dann zwischendrin auch mal zum Schreiben, Boxen und zum Austausch mit Freunden kommen - das ist schon eine Herausforderung.


DWP: Haben Sie ein Lieblingszitat von Freud?

Moritz Pohlmann: „Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren.”


DWP:  Außer Sigmund Freud, gibt es Psychoanalytiker mit denen Sie sich auch gerne auseinandersetzen?

Moritz Pohlmann: Die Züricher Psycho- und Daseinsanalytikerin Alice Holzhey-Kunz mit ihrem Ansatz,  Existentialphilosophie und Psychoanalyse zusammenzudenken, hat mich stark beeinflusst. Dann haben mich die Schriften von Christopher Lasch, der zwar nicht Analytiker war, psychoanalytische Grundlagen aber für seine bestechenden Deutungen der Zeit nutzte, maßgeblich in meiner Haltung zur Psychoanalyse und ihren Grenzen geprägt. Während der letzten Jahren, in denen ich selbst Vater wurde und eine stationär-therapeutische Männergruppe leiten konnte, haben mich die neueren Arbeiten der Riege von Analytikern angesprochen, die sich differenzierter mit der Entwicklung von Jungen und der Bedeutung von Vätern und Vaterentbehrung auseinandergesetzt haben: Frank Dammasch, Matthias Franz, Hans Hopf, Wolfgang Petri, Hartmut  Radebold zum Beispiel.


Herzlichen Dank für dieses Gespräch, wir freuen uns bereits jetzt Alle auf Ihren Leitartikel!



Kontaktdaten des Autors:
Moritz Pohlmann


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