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Leitartikel


DER WIENER PSYCHOANALYTIKER möchte nicht nur bereits international etablierten Psychoanalytikern/Innen, sondern auch noch unbekannten Psychoanalytikern/Innen die Gelegenheit geben einen selbstverfassten, bisher noch nicht publizierten Artikel auf der Titelseite unseres Onlinemagazins zu posten!

Im Forum werden dann dazu alle User Stellung nehmen, Fragen formulieren und kommentieren können. Wir wollen dadurch einen bisher so noch nicht dagewesenen, internationalen Gedankenaustausch zwischen Psychoanalyse-Interessierten ermöglichen.
Aktuelle Textsprache ist Deutsch und/oder Englisch.

Bei Interesse, Ihre Zusendungen bitte an:
leitartikel@derwienerpsychoanalytiker.at


(Werden Personenbezeichnungen aus Gründen der besseren Lesbarkeit lediglich in der männlichen oder weiblichen Form verwendet, so schließt dies das jeweils andere Geschlecht mit ein.)

IM GESPRĂ„CH MIT

Autor/in: SEVERO ORSI / DÉSIRÉE PROSQUILL / DWP

(08.07.2015)
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In unserer Interviewreihe "im Gespräch mit" stellen wir kurz die Autoren der Leitartikel vor.
Damit wollen wir unseren Usern die Möglichkeit geben, die Leitartikel auch aus einer anderen Perspektive heraus lesen zu können.


Diese Woche freuen wir uns ganz besonders Severo Orsi und Désirée Prosquill zu begrüßen:

Severo Orsi. Geboren im Juli 1975, studierte Psychologie an der Uni Wien, Schwerpunkt Klinische Psychologie. Nach der postgraduellen Ausbildung zum Klinischen und Gesundheitspsychologen arbeitete er in freier Praxis mit Hauptaugenmerk auf Sexualstörungen, hat Psychologie in einer Krankenschwesternschule unterrichtet und betreute im Rahmen des psychosozialen Akutteams Menschen direkt nach einem traumatischen Erlebnis. Des Weiteren ist er über 13 Jahre im Maßnahmenvollzug tätig.

Désirée Prosquill. Geboren und aufgewachsen in Wien, Österreich, Studium der Humanmedizin (Medizinische Universität Wien), Studium der Psychotherapiewissenschaft (Sigmund Freud Privatuniversität Wien), Ausbildung absolviert an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Wien, im Maßnahmenvollzug, sowie an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Wien, SFU/PSI; mittlerweile als Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, sowie als Psychoanalytikerin in eigener Ordination tätig. Herausgeberin von DER WIENER PSYCHOANALYTIKER, Mitinitiatorin der psychoanalytischen Radiosendung UNBEWUSST – die Lust am freien Sprechen.



DWP: Was brachte Sie zur Psychoanalyse?

Severo Orsi: Die psychoanalytischen Konzepte habe ich während meinen Ausbildungen kennengelernt und in anregenden Gesprächen mit KollegInnen aus diesem Fachbereich.

Désirée Prosquill: Zum einen meine Träume und Déjà Vues, die mich schon als Kind rasend beschäftigt haben, auch wollte ich immer schon mehr darüber wissen und vermutete in ihnen eine verborgene Welt, deren Entdeckung es wert schien. Zum anderen eine tiefe Neugier, die mich anfänglich von der Archäologie über die Psychiatrie schließlich zur Psychoanalyse brachte.


DWP: Wenn Sie die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Sigmund Freud hätten, was würde wohl zum Thema werden. Gibt es konkrete Fragen?

Severo Orsi: Nein,  konkrete Fragen gibt es keine.
Interessante Themen gibt es hingegen schon, wie beispielsweise die Veränderung der Rollenbilder, die sexuelle Revolution in  den 60ern und die sogenannte Spaßgesellschaft in unserem Jahrzehnt. Es wäre aber nur interessant mit Freud zu diskutieren, wenn er sich vor unserem fiktiven Gespräch mit dem jeweiligen soziokulturellen und geschichtlichen Kontext und deren Entwicklung seit seinem Tod auseinandergesetzt hätte.

Désirée Prosquill: Ehrlich gesagt, so Vieles, ... Was mich als Wienerin sicher brennend interessieren würde, ist, ob Freud mit der Entwicklung der Psychoanalyse vor allem in der Wiener Szene zufrieden ist, ihre Entwicklung goutiert, was er zur Österreichischen Psychotherapielandschaft im Allgemeinen sagt, Kassenplatzüberlegungen usw., sagt...
Dann würde ich mich sehr für seine Beziehung zu Felix Salten interessieren, welche Bücher er von ihm z.Bsp. gelesen hat, etc. ..
Und natürlich - ganz wichtig, ich würde Sigmund Freud zu seinem Lieblingsmärchen befragen ...


DWP: Stoff- oder Ledercouch?

Severo Orsi: Stoff!

Désirée Prosquill: Derzeit eindeutig Stoff!


DWP: Ganz nach Bruno Bettelheim, der auf die Bedeutung vom Märchen hinwies. Verraten Sie uns Ihr Lieblingsmärchen? Und erkennen Sie Parallelen zur Entwicklung Ihres Lebens?

Severo Orsi: Ein in unserem Breitengrad unbekanntes sardisches Märchen- „ Il pastorello di Tacco di Lino - Der Hirtenjunge aus Tacco di Lino“. Im Gegensatz zu diesem armen Hirtenjungen habe ich viele Jahre gebraucht, um mich aus  der Umklammerung der von unserer kapitalistischen Gesellschaft so erwünschten  und zwanghaften  Antriebsfeder, dem Streben nach immer mehr und dem daraus resultierenden permanenten Unzufriedenheitsgefühl zu befreien. Wichtig ist sich auf sich selbst und das wahre, reine Glück zu besinnen.

Désirée Prosquill: Mein Lieblingsmärchen war schon immer das vom Froschkönig, das Moment wo die Prinzessin den ekligen Frosch gegen die Wand donnert, nicht dafür bestraft wird, ganz im Gegenteil, dann auch noch einen Prinzen dafür erhält. Einfach großartig! So wünscht man sich das Leben!
Und dann auch noch die Goldkugel, was will man mehr ;-)
Parallelen zu meinem Leben? Der Verdacht besteht. ;-)


DWP: Ich träume...

Severo Orsi: Ich bezeichne Träume gerne als unbezahlbares Kino. Manchmal bin ich Regisseur, produziere Dramen, Komödien oder Tragödien. Manchmal bin ich Hauptdarsteller, manchmal Komparse oder Requisite, manchmal  einfach nur Zuschauer.
Ich träume viel und intensiv und liebe es mich mit dem Inhalt der Träume auseinanderzusetzen. Träume erzeugen meist ein intensives Gefühl und ich beschäftige mich in den frühen Morgenstunden in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit - mit ihnen, unabhängig, ob Träume positive oder negative Emotionen bei mir hervorrufen.

Désirée Prosquill: ... und bin zum Glück noch immer so begeistert davon!


DWP: Was finden Sie an der Psychoanalyse gut bzw. besonders gut und gibt es etwas was Sie an ihr nicht mögen?

Severo Orsi: Die Psychoanalyse sehe ich als eine der größten Wegbereiter für die  Auseinandersetzung mit  der Psyche und die Enttabuisierung der Sexualität. Sie war ein Meilenstein und löste eine Revolution aus.
Als Kritikpunkt sehe ich den eingeschlichenen Personenkult  und die Anwendung von Axiomen, ohne diese gründlich zu hinterfragen.

Désirée Prosquill: Was ich an der Psychoanalyse so liebe, nun die Beschäftigung mit dem Unbewussten ist unendlich. Es gibt dadurch ständig Neues zu entdecken, bedenken. Die Psychoanalyse hat für mich auch sehr viel spielerisch lustvolles. Sie ist einfach ein Genuss.
Negatives gibt es wohl sicher auch, sind mir momentan aber nicht so bewusst.


DWP: Haben Sie ein Lieblingszitat von Freud?

Severo Orsi: "Unsere Kultur ist ganz allgemein auf der Unterdrückung von Trieben aufgebaut"
(aus: Die „kulturelle“ Sexualmoral und die moderne Nervosität, S. Freud)

Désirée Prosquill: „Bei Kindern kann man ohneweiteres beobachten, dass sie „ schlimm“ werden, um Strafe zu provozieren, und nach der Bestrafung beruhigt und zufrieden sind. Eine spätere analytische Untersuchung führt oft auf die Spur des Schuldgefühls, welches sie die Strafe suchen hieß. Von den erwachsenen Verbrechern muss man wohl alle die abziehen, die ohne Schuldgefühl Verbrechen begehen, ... . Aber bei der Mehrzahl der anderen Verbrecher, bei denen, für die die Strafsatzungen eigentlich gemacht sind, könnte eine solche Motivierung des Verbrechens sehr wohl in Betracht kommen, manche dunkle Punkte in der Psychologie des Verbrechers erhellen und der Strafe eine neue psychologische Fundierung geben."
(aus:  Die Verbrecher aus Schuldbewusstsein, S. Freud)


DWP:  Außer Sigmund Freud, gibt es Psychoanalytiker mit denen Sie sich auch gerne auseinandersetzen?

Severo Orsi: Ich setze mich mit keinem Psychoanalytiker oder Psychologen aktiv auseinander.

Désirée Prosquill: Queer durchs Beet.


DWP:  Wie sind Sie zu dem Thema Ihres Artikels gekommen, den wir nächste Woche unseren Lesern präsentieren dürfen?

Severo Orsi: Da ich in meiner Arbeitsstätte viele unterschiedliche therapeutische Gruppen anbiete, fragte mich meine liebe Kollegin Désirée, ob ich Lust hätte mit ihr eine Gruppe zu „Märchen und Sagen“ anzubieten.
Da diese aus psychoanalytischer und psychologischer Sicht interessante Aspekte hervorbrachte, entschieden wir uns diesen Artikel zu publizieren.

Désirée Prosquill: Nun Märchen und Sagen haben mich eine Zeit lang sehr beschäftigt, also wollte ich das Thema auch in meine Arbeit einfliessen lassen ...


Herzlichen Dank für dieses Gespräch, wir freuen uns bereits jetzt Alle auf Ihren Leitartikel!



Kontaktdaten des Autors:
Severo Orsi

Kontaktdaten der Autorin:
Désirée Prosquill


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