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Leitartikel


DER WIENER PSYCHOANALYTIKER möchte nicht nur bereits international etablierten Psychoanalytikern/Innen, sondern auch noch unbekannten Psychoanalytikern/Innen die Gelegenheit geben einen selbstverfassten, bisher noch nicht publizierten Artikel auf der Titelseite unseres Onlinemagazins zu posten!

Im Forum werden dann dazu alle User Stellung nehmen, Fragen formulieren und kommentieren können. Wir wollen dadurch einen bisher so noch nicht dagewesenen, internationalen Gedankenaustausch zwischen Psychoanalyse-Interessierten ermöglichen.
Aktuelle Textsprache ist Deutsch und/oder Englisch.

Bei Interesse, Ihre Zusendungen bitte an:
leitartikel@derwienerpsychoanalytiker.at


(Werden Personenbezeichnungen aus Gründen der besseren Lesbarkeit lediglich in der männlichen oder weiblichen Form verwendet, so schließt dies das jeweils andere Geschlecht mit ein.)

IM GESPRĂ„CH MIT

Autor/in: BRIGITTE BOOTHE / DWP

(04.03.2015)
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In unserer Interviewreihe "im Gespräch mit" stellen wir kurz die Autoren der Leitartikel vor.
Damit wollen wir unseren Usern die Möglichkeit geben, die Leitartikel auch aus einer anderen Perspektive heraus lesen zu können.


Diese Woche freuen wir uns ganz besonders Brigitte Boothe zu begrüßen:

Prof. em. Dr. phil., Psychoanalytikerin (vormals DPG, DGPT), Psychotherapeutin FSP

Emeritierte (seit 1.2.2013) Ordinaria für Klinische Psychologie an der Universität Zürich, Lehrstuhl für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Psychoanalyse.
Bis 2013 Leiterin der psychotherapeutisch-psychoanalytischen Praxisstelle im Psychotherapeutischen Zentrum der Universität Zürich.
Bis 2015 Leiterin der postgradualen Weiterbildung Master of Advanced Studies in Psychoanalytic Psychotherapy der Universität Zürich.
Bis 2012 Leiterin des Interdisziplinären psychoanalytischen Forums der Universität Zürich und der ETH.
Seit 2013 Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin in der Gemeinschaftspraxis Psychotherapie Bellevue

Wissenschaftliche Interessen
Theorie und Empirie des Wünschens
Theorie und Praxis des mündlichen Erzählens in Psychotherapie und Alltag sowie des biografischen und literarischen Schreibens (fortlaufende Vortrags- und Seminarangebote)

Ausgewählte Buchpublikation
Boothe, B. (Hrsg.) (2013). Wenn doch nur - ach hätte ich bloss. Die Anatomie des Wunsches. Zürich: Rüffer&Rub.



DWP: Was brachte Sie zur Psychoanalyse?

Brigitte Boothe: Anstellung bei Prof. Dr. Annelise Heigl-Evers in Düsseldorf. Chance zur akademischen Weiterentwicklung. Psychoanalytische Ausbildung war Pflicht. Ich hatte über Wittgensteins Spätphilosophie promoviert, kannte dessen Freudkritik und war davon eingenommen. So fand ich die Psychoanalyse zunächst einmal reichlich undiszipliniert.


DWP: Wenn Sie die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Sigmund Freud hätten, was würde wohl zum Thema werden. Gibt es konkrete Fragen?

Brigitte Boothe: Hätten Sie nur, Herr Freud, Ihre Theorie des Wunsches genauer ausformuliert. Ihre Wunscherfüllungstheorie des Traumes und die Bedeutung des Wunschdenkens im Alltag finde ich überzeugend, therapeutisch fruchtbar und nützlich, wenn man den eigenen Illusionen auf der Spur ist.  Nur durch das Wünschen entsteht mentales Leben, sagen Sie. Klingt interessant. Bitte, fahren Sie fort!
Dann habe ich halt selbst zusammen mit anderen Autoren  etwas versucht:
Brigitte Boothe (Hrsg.). (2013). Wenn doch nur – ach hätt ich bloß. Die Anatomie des Wunsches. Zürich: Rüffer & Rub.


DWP: Stoff- oder Ledercouch?

Brigitte Boothe: Stoff wärmt mehr.


DWP: Ganz nach Bruno Bettelheim, der auf die Bedeutung vom Märchen hinwies. Verraten Sie uns Ihr Lieblingsmärchen? Und erkennen Sie Parallelen zur Entwicklung Ihres Lebens?

Brigitte Boothe: Nein, über Aschenputtels Fähigkeiten verfüge ich nicht. Aber mit Vergnügen habe ich über das Märchen geschrieben: Aschenputtel: Aus der Asche in den Glanz. Eine weibliche Karriere
Aschenputtel agiert selbstbestimmt und undercover. Sie legt angesichts der feindlichen Übermacht die Karten nicht auf den Tisch. Sie bleibt nicht verzagt hinterm Ofen, sondern geht in voller Pracht und als kluge Verführerin zu den königlichen Festen. Sie ist angesichts des häuslichen Machtgefälles äußerlich gefügig, formuliert aber wie in Bertolt Brechts Parabel von den Maßnahmen gegen die Gewalt ein freies inneres Nein.
Boothe, B. (2011). Aschenputtel: Aus der Asche in den Glanz – eine weibliche Karriere. Märchenspiegel 22/3. S. 15-20.


DWP: Ich träume…..

Brigitte Boothe: z.B. den typischen Traum von Vorhaben, die man zuende bringen oder absolvieren will (z.B. einen Vortrag halten), und dann kommt kontinuierlich etwas dazwischen, z.B. ich werde mit dem Anlegen des Mantels oder dem Packen der Tasche nicht fertig, finde den Weg nicht oder den Vortragsraum, das Manuskript ist vergessen…..

Und übrigens zu einem Traum von Freud:
In Freuds berühmtem Traum von „Irmas Injektion“ gibt es ein bemerkenswertes Detail: „Ich erschrecke und sehe sie an“ - Er sieht eben die leidende, von Leiden gezeichnete Irma an und gerät dann auch im Traum in besorgte Unruhe. Bemerkenswert ist für mich diese Stelle, weil man im Traum charakteristischerweise, wenn es zu einem Erschrecken kommt, flüchtet, die Szene wechselt oder aufwacht. Freud dagegen schaut hin, rückt dem Angstobjekt näher, rückt der Irma sogar kaltblütig mit einer ärztlichen Untersuchung auf den Leib. - Hinschauen statt Abwehren, oder? Der stolze Freud unternimmt also die „Expedition in den dunklen Kontinent“, „bewegt die Unterwelt“.


DWP: Was finden Sie an der Psychoanalyse gut bzw. besonders gut und gibt es etwas was Sie an ihr nicht mögen?

Brigitte Boothe: Psychoanalyse hat ausgezeichnete Ideen zu dem, was es heisst, in Beziehungen zu denken und zu handeln. Psychoanalyse erweiterte und erweitert noch heute die Vorstellung dessen, was Geist, Imagination und mentales Leben ist. Sie bereichert und vertieft die Erzählforschung, den Umgang mit Erzählen und Erzählungen. Psychoanalyse hat ausformuliert, was Abwehr ist und welch grosse Bedeutung sie für die psychische Regulierung und die Verständigung im Alltag hat. Psychoanalyse hat das Zeug zur fröhlichen Wissenschaft.
Es gibt aber auch eine humorlose Ideologie der tieferen Bedeutsamkeit dessen, was man über das psychisch rund das soziale Leben zu wissen und zu erkennen meint..


DWP: Welchen Herausforderungen mussten Sie sich während Ihrer analytischen Ausbildung stellen?

Brigitte Boothe: Wir Lernende hatten grosses Glück. Neue und interessante, z.B. interaktionelle, auch gruppenorientierte Konzepte und Ideen (vor allem von Annelise Heigl-Evers, Franz Heigl, Ulrich Streeck und Siegfried Zepf) spielten inhaltlich eine bedeutende Rolle. Die klinische Institution in Düsseldorf verfügte über Ambulanz und Konsiliardienst, stationäre Psychotherapie und Tagesklinik. Es war möglich, Neues auszuprobieren. Die Ausbildung war strukturiert, gut aufgebaut, wir sahen uns ermutigt, in angemessener Zeit zum Abschluss zu kommen. Das Klima der Zusammenarbeit und des Austauschs war offen und anregend.


DWP: Haben Sie ein Lieblingszitat von Freud?

Brigitte Boothe: „In Anlehnung an einen bekannten Ausspruchs Kants, der das Gewissen in uns mit dem gestirnten Himmel zusammenbringt, könnte ein Frommer wohl versucht sein, diese beiden als die Meisterstücke der Schöpfung zu verehren. Die Gestirne sind gewiß großartig, aber was das Gewissen betrifft, so hat Gott hierin ungleichmäßige und nachlässige Arbeit geleistet…..“ (Freud: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse)


Herzlichen Dank für dieses Gespräch, wir freuen uns bereits jetzt Alle auf Ihren Leitartikel!



Kontakdaten der Autorin:
Brigitte Boothe


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