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Leitartikel


DER WIENER PSYCHOANALYTIKER möchte nicht nur bereits international etablierten Psychoanalytikern/Innen, sondern auch noch unbekannten Psychoanalytikern/Innen die Gelegenheit geben einen selbstverfassten, bisher noch nicht publizierten Artikel auf der Titelseite unseres Onlinemagazins zu posten!

Im Forum werden dann dazu alle User Stellung nehmen, Fragen formulieren und kommentieren können. Wir wollen dadurch einen bisher so noch nicht dagewesenen, internationalen Gedankenaustausch zwischen Psychoanalyse-Interessierten ermöglichen.
Aktuelle Textsprache ist Deutsch und/oder Englisch.

Bei Interesse, Ihre Zusendungen bitte an:
leitartikel@derwienerpsychoanalytiker.at


(Werden Personenbezeichnungen aus Gründen der besseren Lesbarkeit lediglich in der männlichen oder weiblichen Form verwendet, so schließt dies das jeweils andere Geschlecht mit ein.)

IM GESPRÄCH MIT

Autor/in: ANNA LINDEMANN / DWP

(17.10.2018)
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In unserer Interviewreihe "im Gespräch mit" stellen wir kurz die Autoren der Leitartikel vor. Damit wollen wir unseren Usern die Möglichkeit geben, die Leitartikel auch aus einer anderen Perspektive heraus lesen zu können.

Diese Woche freuen wir uns ganz besonders Anna Lindemann aus Wien, Österreich zu begrüßen:

Anna Lindemann hat an der Universität Bielefeld Literaturwissenschaft, Philosophie und Geschichte studiert und an der Universität Wien promoviert. Ihr Erstlingsbuch
Sigmund Freud, das ‚Cocain‘ und die Morphinisten: Ein Beitrag zur Geschichte der wissenschaftlichen und klinischen Praxis im Umgang mit Suchtmitteln (1850-1890) ist im Juli 2018 erschienen. Derzeit arbeitet sie als freie Historikerin im Bereich Wissenschaftsgeschichte und als Lehrbeauftragte der SFU (Sigmund Freud Privatuniversität) Wien.



DWP: Was brachte Sie dazu sich mit der Psychoanalyse zu beschäftigen, beziehungsweise mit Freud und seinen Errungenschaften?

Anna Lindemann: Freud war einer der einflussreichsten Denker seiner Zeit, und ist für uns doch ein Stück weit identitätsstiftend. Wenn man sich für Psychologie interessiert, kommt man nicht an Freud vorbei.


DWP: Haben Sie sich je einer Psychoanalyse unterzogen?

Anna Lindemann: Nein, aber einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Das war eine großartige Erfahrung!


DWP: Wenn Sie die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Sigmund Freud hätten, was würde wohl zum Thema werden? Gibt es konkrete Fragen?

Anna Lindemann: Ich würde auf jeden Fall wissen wollen, ob Freud die Thesen überzeugend findet, die ich über ihn als „Cocain“-Forscher entwickelt habe. Sicherlich würde ich auch nach einigen widersprüchlichen und in der Freudforschung umstrittenen Angaben in seinen Cocain-Schriften (1884-1887) fragen, und ihn dann um einen Erfahrungsbericht dieser Zeit bitten.


DWP: Stoff- oder Ledercouch?

Anna Lindemann: Lieber Stoffcouch, denn auf Tierhaut throne ich eher in Scham und Schuld.


DWP: Bruno Bettelheim wies auf die Bedeutung vom Märchen hin. Verraten Sie uns Ihr Lieblingsmärchen? Und erkennen Sie Parallelen zur Entwicklung Ihres Lebens?

Anna Lindemann: Ich mag besonders den Sandmann sowie den Goldenen Topf von E.T.A. Hoffmann, und den Blonden Eckbert von Ludwig Tieck. Wie Nathanael (Protagonist aus dem Sandmann) sich fragt, ob er es mit tatsächlichen Mächten oder nur mit seiner Einbildungskraft zu tun hat, rätsle ich oft darüber, ob sich Dinge in meinem Leben (ganz) anders entwickeln würden, wenn sie in meinem Kopf anders repräsentiert wären. Wie der Student Anselmus (Protagonist des Goldenen Topfes) strebe ich nach dem ‚Wunderbaren‘, werde jedoch immer wieder von profanen Lebensaufgaben eingeholt.


DWP: Ich träume…

Anna Lindemann: ... von einem fingierten Alien-Angriff, der nationale und ethnische Konflikte beseitigt und dafür sorgt, dass wir aufhören uns gegenseitig, die Natur und damit auch unsere Lebensgrundlage zu zerstören. Die Initiatoren sind Machthaber aus Wirtschaft, Politik, Medien und Wissenschaft, die weltweit eine neue Ideologie religiösen Charakters verbreiten. Deren Kernelemente (wie Umweltschutz, verantwortungsbewusstes Handeln, Menschen-, Tier- und Pflanzenrechte) versprechen die ‚Erlösung‘, nämlich den Schutz vor dem außerirdischen Feind (mit Treibhausgasallergie). Im Sinne einer ‚positiven Massenpsychose‘ könnte beherzt ignoriert werden, dass die eigentliche Bedrohung von innen kommt und der äußere Feind nur eine (medial aufbereitete) Projektion ist. Psychische Mechanismen, die oft destruktives Handeln bedingen, sind in den Dienst der Weltrettung gestellt!


DWP: Was finden Sie an der Psychoanalyse gut bzw. besonders gut und gibt es etwas was Sie an ihr nicht mögen?

Anna Lindemann: Besonders gut finde ich, dass die Bedeutung des Unbewussten freigelegt wird, dass die Psychoanalyse auch gut an die bewusste phänomenale Welt anschließt und in gewissem Rahmen ihre deterministische Sichtweise, die Zusammenhänge zutage fördert. Die starke Fokussierung der Freud’schen Psychoanalyse auf sexuelle Konflikte ist mir zu einseitig (wobei sie für die damalige Gesellschaft wahrscheinlich ihre Berechtigung hatte). Manche von Freuds Grundideen finde ich überzeugend, andere nicht. Ihre Überprüfbarkeit hält sich in Grenzen.
 

DWP: Haben Sie ein Lieblingszitat von Freud?

Anna Lindemann: „Die Cocawirkung selbst möchte ich nicht als eine direkte Beeinflussung – etwa der motorischen Nervensubstanz oder der Muskeln – , sondern als eine indirekte, durch die Herstellung eines besseren Allgemeinbefindens bewirkte ansehen.“ (1885a, Sp. 133)


DWP:  Außer Sigmund Freud, gibt es Psychoanalytiker mit denen Sie sich auch gerne auseinandersetzen?

Anna Lindemann: Momentan beschäftige ich mich eher mit anderen Bereichen der akademischen Psychologie. Bei Gelegenheit würde ich Freuds Schüler gerne einmal unter die Lupe nehmen.


Herzlichen Dank für dieses Gespräch, wir freuen uns bereits jetzt Alle auf Ihren Leitartikel!


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