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Leitartikel


DER WIENER PSYCHOANALYTIKER möchte nicht nur bereits international etablierten Psychoanalytikern/Innen, sondern auch noch unbekannten Psychoanalytikern/Innen die Gelegenheit geben einen selbstverfassten, bisher noch nicht publizierten Artikel auf der Titelseite unseres Onlinemagazins zu posten!

Im Forum werden dann dazu alle User Stellung nehmen, Fragen formulieren und kommentieren können. Wir wollen dadurch einen bisher so noch nicht dagewesenen, internationalen Gedankenaustausch zwischen Psychoanalyse-Interessierten ermöglichen.
Aktuelle Textsprache ist Deutsch und/oder Englisch.

Bei Interesse, Ihre Zusendungen bitte an:
leitartikel@derwienerpsychoanalytiker.at


(Werden Personenbezeichnungen aus Gründen der besseren Lesbarkeit lediglich in der männlichen oder weiblichen Form verwendet, so schließt dies das jeweils andere Geschlecht mit ein.)

IM GESPRÄCH MIT

Autor/in: GLENVILLE ASHBY / DWP (TVP)

(29.08.2018)
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In unserer Interviewreihe "im Gespräch mit" stellen wir kurz die Autoren der Leitartikel vor. Damit wollen wir unseren Usern die Möglichkeit geben, die Leitartikel auch aus einer anderen Perspektive heraus lesen zu können.

Diese Woche freuen wir uns ganz besonders Glenville Ashby aus New York, U.S.A. zu begrüßen.

Glenville Ashby wurde in Trinidad geboren. Er ist Absolvent der Universität West Indies, der Londoner Journalistenschule, der Hochschule für Media and Publishing, der Euclid Universität und der International School of Applied Psychoanalysis.
Er studierte auch am Athenaeum Regina Apostolorum, der päpstlichen Akademie für das Leben, in der Vatikanstadt Rom und am St. Gallen Seminar in der Schweiz.
Er ist Mitglied der Oxford University Philosophy Society, der South Asian Journalist Association, der Canadian Bioethics Society, der American Society for Psychical Research und der International Society of Applied Psychoanalysis.
Er promovierte in den Feldern  Interreligiöser Dialog und Diplomatie.
Dr. Ashby hat fünf Bücher verfasst, darunter das von Kritikern gefeierte „The Believers: The Hidden World of West Indian Spiritualism in New York" und die preisgekrönten Bücher “Anam Cara: The Believers: The Hidden World of West Indian Spiritualism in New York” und “The Mystical Qigong Handbook for Good Health”.
In Trinidad arbeitete  Dr. Ashby als Erzieher. In New York hatte er eine Anstellung  als Korrespondent in Übersee für Guardian Media Limited. Heute ist er Kolumnist und Literaturkritiker bei der Gleaner Media Company. Er schreibt außerdem Beiträge für die University Press (UWI), Kaieteur News in Guyana, und hat auch für das San Francisco Review of Books geschrieben.
Dr. Ashby ist zertifizierter klinischer Hypnotherapeut und zertifizierter Qigong-Therapeut. Er ist einer von zwei zertifizierten Pangu Shengong-Lehrern im Bundesstaat New York. Die Zertifizierung wurde vom Pangu Shengong International Research Institute in China erteilt.
Er unterrichtet Qigong am Harlem Center für Pflege und Rehabilitation und besitzt seit über zwei Jahrzehnten ein Wellness-Unternehmen in New York. Er hat Workshops zu Qigong und Wellness in den USA und der Karibik durchgeführt.
Dr. Ashby wurde für seinen kulturellen Beitrag mit einem Zertifikat für die New Yor State Assembly ausgezeichnet und wurde für seinen Beitrag zu Kunst und Kultur als IMD-Preisträger 2017 geehrt.
Im Jahr 2012 erhielt er von der Plessey Academic im Vereinigten Königreich einen Preis für seinen Beitrag zur Philosophie.
Sein Fernlehrgang „Qigong und Psychoanalyse: Ein Kurs in persönlicher Entwicklung“ wurde von der australischen Qigong Chinese Health unterstützt.
Dr. Ashby hat ehrenvoll im Militär der Vereinigten Staaten (1994-98) gedient und war der Präsident des Global Interfaith Council. Derzeit ist er Präsident der Trinidad und Tobago Qigong Association.
Sein neuestes Buch, „The Search for Truth: Selected Writings in Spiritual Psychology“, wurde als eines der wichtigsten Bücher in seinem Genre bezeichnet.

 

DWP: Was brachte Sie zur Psychoanalyse?

Glenville Ashby: Ich habe die Grundlagen der Disziplin im Grundstudium studiert. Wenn ich auf diese Zeit zurückblicke, merke ich, wie wenig von Freud präsentiert wurde.
Ich machte dann andere Sachen und es dauerte ein paar Jahre, bis ich wieder zu Freud zurückkam. Ich war schon immer von den Möglichkeiten des Geistes. Meine tiefe Auseinandersetzung mit Mystik und alternativen Bewusstseinszuständen haben mich zu den indigenen Religionen, Stanislav Grof und Carl Jung hingezogen.
Erst als ich mit Qigong, einer der fünf Säulen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), angefangen habe, kam die Psychoanalyse wieder ins Bild. Qigong konzentriert sich auf die Energie im menschlichen Körper, und wie es das allgemeine Wohlbefinden beeinflusst, was mein Interesse an der Libido anregte. Je mehr ich östliche und westliche Schriften zu diesem Thema verglichen habe, desto mehr wurde mir klar, dass die beiden Ansätze für Gesundheit nicht unähnlich sind. Ich fing an, Freud ernsthaft zu erforschen, kontaktierte einige psychoanalytische Institute in New York, wo ich schließlich mit meiner persönlichen Analyse begann. Zufälligerweise habe ich mich an einem Studienprogramm der ISAP, der International School of Applied Psychoanalysis, beteiligt. Seitdem habe ich meine Analyse in der Schule fortgesetzt. Die ganze Erfahrung war sehr erfüllend für mich.


DWP: Wenn Sie die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Sigmund Freud hätten, was würde wohl zum Thema werden? Gibt es konkrete Fragen?

Glenville Ashby: Ich würde wohl über Religion mit ihm reden.

Meine Frage an Freud: Obwohl Sie die Religion eher abweisend betrachten, würden Sie nicht zugeben, dass Religion die wahre Bedeutung des Jüdischen ist? Kann ein Jude wirklich Atheismus befürworten? Kann ein Jude den existentiellen Wert des Judentums wirklich negieren? Ist eine solche Verleugnung das Gleiche wie das Auslöschen der eigenen Herkunft und Identität?
 

DWP: Stoff- oder Ledercouch?

Glenville Ashby: Fühlen als Empfindung ist zu wenig erforscht. Die meisten von uns fühlen sich von den anderen Sinnen voll bedient. Fühlen ist gleichermaßen emotional, nährend, und darüber hinaus lehrreich. Deshalb ist in sitzender oder liegender Position die Textur, mit der unser Körper in Kontakt kommt, sinnvoll. Die Art und Farbe des Stoffes sind wichtig für meine Arbeit.


DWP: Bruno Bettelheim hat auf die Bedeutung vom Märchen hingewiesen - verraten Sie uns Ihr Lieblingsmärchen? Und erkennen Sie Parallelen zur Entwicklung Ihres Lebens?

Glenville Ashby: In Trinidad aufzuwachsen war eine wahrhaft lehrreiche Erfahrung. Alsvielfältige Gesellschaft werden Kinder durch  verschiedene kulturelle Quellen beeinflusst. Trotz der Anglisierung durch die jahrhundertelange Versklavung, überlebten Überreste der afrikanischen Kultur. Der Griot oder Geschichtenerzähler, und der Slang oder Dialekt, sind immer noch sehr lebendig und sorgen für ein reiches, kulturelles Milieu. Als Kind war die Geschichte von Anansi, der weisen und flüchtigen Spinne, lehrreich und wurde als pädagogische Ressourcen für Zuhause und den Kindergarten verwendet. Dieses Volksmärchen entstand in Ghana unter den Akan-Stämmen, und entwickelte sich durch mündliche Überlieferung zu einercharakteristischen Geschichte , die den Sklaven Hoffnung gab. Anansi machte die Reise des Todes von Afrika nach Amerika. Unzählige kamen um. Überlebende wurden verkauft und versklavt. Während der gesamten Tortur, erwies sich Anansi als unbesiegbar. Er soll mystische Kräfte haben, Nachrichten von einer Plantage zur nächsten tragen, und bei Bedarf bei Sklavenaufständen helfen. Er war unsichtbar und eine Quelle der Stärke und Weisheit. Es gibt viele Varianten von Anansi-Geschichten, abhängig von den Inseln, auf denen sie entstanden. Die zugrunde liegende Lehre von Widerstandsfähigkeit und Unerbittlichkeit gegenüber bedrückenden Umständen ist jedoch dieselbe. Ich habe Kraft aus diesem Märchen gezogen.

 
DWP: Ich träume…..

Glenville Ashby: Ich träume, dass ich der Gott werde, der ich sein möchte. Meine Ängste werden oft konfrontiert und besiegt; Meine Wünsche werden erfüllt; und meine Phantasien erlebt. Ich kann sogar den Tod besiegen. Ich träume und erreiche Selbstwerdung. Leider arbeite ich zu diesem Zweck im bewussten Zustand und versage oft. Barrieren sind zu unüberwindbar. Jedoch träume ich, und heile. Ich werde.


DWP: Was finden Sie an der Psychoanalyse gut, bzw. besonders gut, und gibt es etwas, das  Sie an ihr nicht mögen?

Glenville Ashby: In der Karibik gibt es aufgrund von Sklaverei und Vertragsknechtschaft unterschiedliche Familienstrukturen. Die Abwesenheit der Vaterfigur (die auf eine Vielzahl von Gründen zurückzuführen ist) führte zu matrilinealen Strukturen.

Die Ankunft von Ostindern nach der Freilassung von Sklaven fügte der Institution ein weiteres Gefüge hinzu. In den meisten Situationen nahm die Großfamilie Gestalt an, und in dieser breiten Schutzhülle wird das Kind genährt. In der Karibik identifizieren wir uns mit der Rolle, die die Kindheitserfahrungen und Sozialisation im späteren Leben spielen. Die psychosexuellen Theorien, die wir während des Trainings studieren, sind interessant und überwältigend glaubwürdig. Wo die Psychoanalyse zu kurz kommt, ist bei ihrer oberflächlichen Erforschung der Spiritualität. Ich glaube, dass jede Disziplin des Geistes in die mentalen Möglichkeiten eindringen muss. Man kann argumentieren, dass Freud in der Traumdeutung unerforschtes Territorium erforscht hat, und an der Schwelle telepathischer Studien stand, obwohl er selbst diese Einschätzung abgelehnt hätte.

Natürlich bin ich voreingenommen, weil ich mich mit Metaphysik und indigenen Religionen von Afrika nach Indien und jetzt China beschäftige. Ich war auch Seminarist und studierte an päpstlichen Instituten in Rom. Ich denke nicht, dass wir Halluzinationen (insbesondere visuelle und auditive) als bloße Erfindungen des Unbewussten, therapeutisch oder nicht, abtun sollten. War Carl Jungs Philemon eine Erweiterung seines eigenen Bewusstseins oder eine Entität, die über sein Verständnis hinausging? Jung selbst kann nur spekulieren. Heute hat die Quantenphysik diesen Diskurs in eine andere, weitaus komplexere Dimension gebracht. Ich denke, dass - ob man ein Therapeut oder ein Analytiker ist - die Rolle der Kultur  manchmal alles überschreibt. Ein typisches Beispiel: In Trinidad kann, was als spirituelles Erwachen, Segen der Götte, gesehen wird, als pathologisch betrachtet und als solches behandelt werden. Während einige Kulturen (im religiös-spirituellen Umfeld) das feiern, was viele als Geisteskrankheit bezeichnen, bewegen sich andere zur Behandlung von pathologischen Untergründen mit Medikamenten und Therapien zur Heilung sogenannter psychischer Risse.

 
DWP: Welchen Herausforderungen mussten Sie sich während Ihrer analytischen Ausbildung stellen?

Glenville Ashby: Ich bin immer noch im Training, also bin ich mir sicher, dass ich zu gegebener Zeit noch viel mehr zu sagen habe. Es genügt zu sagen, dass Vertrauen und Offenheit immer im Vordergrund stehen. Ehrlich gesagt bin ich eine private Person mit reservierten Meinungen und Erfahrungen. Ich denke, dass wir Heilige und Sünder sind, fähig zu Barmherzigkeit und Freundlichkeit, aber auch zu unsagbarer Grausamkeit, wenn sie richtig geformt werden. Und das ist so einfach zu erschaffen. Ich habe sehr schnell gelernt, diese Seite von uns zu fürchten. Im Laufe der Zeit wird sich heraustellen, wie groß der der Einfluss auf mein Training seinwird.


DWP: Haben Sie ein Lieblingszitat von Freud?


Glenville Ashby: „Die Zeit, die man mit Katzen verbringt, ist niemals verlorene Zeit“


DWP:  Außer Sigmund Freud, gibt es Psychoanalytiker mit denen Sie sich auch gerne auseinandersetzen?


Glenville Ashby: Ich bin ziemlich beeindruckt von Donald Winnicotts Arbeit, insbesondere seinem Paradigma vom wahren und falschen Selbst. Ich identifiziere mich mit der Spontaneität, der Energie und der schöpferischen Impulsivität, die er dem wahren Selbst beilegt, und wie diese Eigenschaften durch die Interaktion des Säuglings mit der primären Bezugsperson genährt werden. Natürlich könnten wir uns immer über die Debatte Natur versus Erziehung streiten, die die Bestimmung der Kreativität fördert. Diese beiden Konzepte bewegen sich jedoch in so vielen Bereichen, die weit über die klassische Psychoanalyse hinausgehen. Ich denke, das ist Winicotts bleibender Einfluss.


Herzlichen Dank für dieses Gespräch, wir freuen uns bereits jetzt Alle auf Ihren Leitartikel!



Kontaktdaten des Autors:
Glenville Ashby


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