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Leitartikel


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Anna Freud aus Amerikanischer Perspektive (Teil II)

Autor/in: Carmen Birkle

(27.06.2018)
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Esther Menakers Einstellung und Beziehung zu Anna Freud war das genaue Gegenteil von Freundschaft, oder gar Respekt. Menaker wurde von Anna Freud psychotherapeutisch analysiert, weil Menaker wie Anna Freud ein starkes Interesse an der Kinderanalyse hatte. In der Psychoanalyse gab es zu jener Zeit zunächst wenig Interesse an Kindern, da sie sich stark auf Fragen der Sexualität konzentrierte, die für Kinder als nicht relevant angesehen wurden. Wie Menaker hervorhebt: "Die allgemeine Einstellung gegenüber Kindern war, dass sie, was auch immer Probleme haben mögen, sie im Laufe der Zeit entwachsen würden".

Mit Hilfe von Dr. Helene Deutsch (1884-1982), die Esther und Bill Menaker in New York kennenlernten, arrangierten sie ihre Analyse, die 1930 in Wien begann. Als Esther Menaker erfuhr, dass Anna Freud tatsächlich ihre Analytikerin werden würde, war ihre Reaktion eine Mischung aus Ehrfurcht und Angst, die ihre lebenslange kritische Haltung gegenüber "der Gottheit", "dem Berühmten" erkennen ließ. Was Menaker zunächst für "soziale Schüchternheit" hielt, entpuppte sich später als direkte Ablehnung von Anna Freud, ihres Verhaltens gegenüber ihrer amerikanischen Patientin und ihrer Theorien.

Die Zeiten waren trist, dunkel und schwierig, als die Menakers Ende August 1930 in Wien ankamen. Sie hatten Probleme eine bezahlbare Wohnung zu finden; sie hatten nicht viel Geld und in der Stadt leideten viele Menschen an Armutinfolge des Ersten Weltkriegs, und höchstwahrscheinlich der Weltwirtschaftskrise nach 1929, die Menschen weit über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinweg betroffen hatte. Die Ehrfurcht der Menakers gegenüber dem Begründer der Psychoanalyse erklärt ihren Eifer, Sigmund Freuds Ideen kennen zu lernen, löste aber auch ihre Mystifizierung des Mannes aus, wie wir in Menakers Autobiographie lesen können: "Die Gestalt ihres Begründers zeichnete sich in unseren Köpfen ab. Als sie ihn am Fenster seines Hauses in der Berggasse 19 sehen, halten sie das für "eine Art Omen!".

Nach dem ersten Telefonat mit Anna Freud, um ein Treffen zu arrangieren, begannen Esther Menakers Zweifel an einer fruchtbaren und effektiven Analyse zu wachsen: "[...] Ich war nicht ganz sicher, dass ich mich mit einer verständnisvollen Person treffen würde". Was Esther Menaker am meisten an der Psychoanalyse, und damit auch an ihrer eigenen Behandlung kritisiert, ist die damit verbundene Geheimhaltung. Nicht nur, weil sie und ihr Ehemann begannen sich voneinander zu distanzieren, weil sie nicht über ihre jeweiligen analytischen Erfahrungen miteinander reden sollten, sondern auch,  weil Menaker  jede Analyse als solche - zumindest zu der Zeit - als eine Einbahnstraße betrachtete - mit dem Analysanden sprechen und dem Analytiker zuhören, alles in eine Theorie zu integrieren und vielleicht Fragen zu stellen. Die Beziehung ist für sie niemals gleichberechtigt, da der Analytiker mit Sicherheit nichts über sein eigenes Leben offenbart. Sie beschreibt die Analyse als eine hierarchische Beziehung, in der "der Patient zunehmend abhängig vom Analytiker wird, der Einsicht und Verständnis des Patienten auf tiefen Ebenen haben soll, die weit über das Selbstverständnis des Patienten hinausgeht". Falls der Patient auf eine solche "künstlich geschaffene Situation, die wirklich existiert" reagiert, würde diese Reaktion auch als ein "Echo der Vergangenheit" angesehen werden, anstatt die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass sie "durch die erfundene, unnatürliche Art und Weise ausgelöst wird, die durch diese Situation errichtet wurde".

Für Menaker ist diese einseitige Beziehung schmerzhaft, teilweise weil sie eine Form der Abhängigkeit von der Kindheit wiederholt, statt eine "Erfahrung anzubieten, in der man wachsen und reifen kann". Was Menaker nach und nach, vielleicht sogar unbewusst, enthüllt, ist, dass sie, obwohl sie diese häufigen Ausflüge in die Vergangenheit für die Lesungen der Gegenwart kritisiert, alle Ereignisse in Bezug auf Anna Freud analysiert, indem sie genau das tut, was sie ablehnt. Als sie Anna Freud zum ersten Mal begegnet, erklärt sie ihre Abneigung gegen den großen Hund, der sie grüßt, indem sie von ihrer "Angst vor Hunde seit frühester Kindheit" spricht, und von den Fehlern, die ihre eigene Mutter aufgrund ihrer Unkenntnis der Gefühle ihres Kindes gemacht hat.

Von da an wurde alles, was Anna Freud sagte oder tat, kritisch betrachtet, wahrscheinlich weil ihre Analytikerin die Erwartungen, die sich in einen Art "Schwarm" verwandelt hatten, nicht erfüllte. Als natürliche Folge, hatte Esther es implizit abgelehnt Anna Freud nur in einer beruflichen Beziehung zu sehen. Laut Robert Coles hatte Anna Freud einmal gesagt: "Denk daran, ich bin eine Analytikerin!". Die Leser haben nur Zugang zu Menakers Standpunkt und müssen sich entscheiden, ob sie dem Kommentar der Erzählerin vertrauen: "[...] Ich bin sicher, dass Anna Freud meine Gefühle auch unbequem fand". Aus Menakers Perspektive empfängt sie Vorurteil, Verurteilung und Unverständnis, aber vor allem falsche Lesarten ihres Unterbewusstseins. Hier ging es um Übertragung, wie die Projektion von Kindheitserfahrungen auf den Analytiker heißt, von der Menaker natürlich damals nichts gewusst hatte, als sie ihre Autobiographie schrieb. Esther Menakers Erzählung enthüllt die klassischen Elemente der Psychoanalyse, wie sie damals verstanden wurde: Die Evokation von Kindheitserfahrungen führt zur Übertragung, wobei die Sexualität eine wichtige Rolle spielt. Statt eine Befreiung zu finden, nach der sie gesucht hatte, stellte  Esther fest: "Stattdessen stieß ich auf eine strenge Reihe von Normen, die den viktorianischen Standards meiner häuslichen Umgebung entsprachen". In der Interpretation von Menakers Ich-Erzählung bleibt die Stimme der Erzählerin voller Zweifel, die mit Gefühlen und Unsicherheiten kämpft, mit denen sie fünf Mal pro Woche in ihrer Analyse mit Anna Freud konfrontiert wird.

Für Menaker war "[S]ex im Mittelpunkt der Mystik" eine entscheidende Erfahrung in Menakers Leben und Teil der Sorgen anderer junger Menschen. Statt die Einseitigkeit der Beziehung zu akzeptieren, begann Menaker über Anna Freuds Gedanken und Leben zu spekulieren, weil sie sich „kritisiert und missverstanden fühlte. Es erinnerte mich an meine Beziehung zu meiner Mutter". Dies ist einer der Gründe, weshalb Menakers Mutter eine wichtige Rolle in ihrer Autobiographie spielte, während Menaker gleichzeitig die Dominanz von Mutter-Kind-Aspekten in ihrer Analyse ablehnte. Basierend auf dem, was sie später erfuhr, beginnt Menaker in ihren Memoiren, die Beziehung Vater (Sigmund) -Tochter (Anna) aus der Sicht des ödipalen Komplexes zu analysieren.

Freud war der Analytiker seiner Tochter zwischen 1918 und 1921, und wieder 1924 (vgl. Salber), was in den frühen 1930er nicht öffentlich bekannt war, aber Menaker zur Zeit der Verfassung ihrer Memoiren natürlich bekannt war, was sie zum Spekulieren brachte: "Die Stärke der Vater-Tochter-Bindung verhinderte die Existenz irgendeiner anderen bedeutenden Beziehung mit einem Mann". Außerdem gibt sie die Gerüchte der Zeit weiter: "Anna Freud ist unverheiratet geblieben, und obwohl es einige Hinweise darauf gibt, dass sie im frühen Erwachsenenalter in bestimmte Mitgliedern des analytischen Kreises verliebt ist [...], ist es zweifelhaft, ob sie je irgendwelche erfüllenden sexuellen Erfahrungen hatte". Menaker geht sogar noch weiter, indem sie diese Ideen auf ihre eigene Analyse anwendet: "Sie [Anna Freud] konnte wohl kaum für eine junge Frau in meinem Alter ein Vorbild im Bereich des Sexuallebens sein, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass meine Beschäftigung mit Sex sie störte". Offensichtlich hatte sich Menaker von der jungen Frau weiterentwickelt, die alles auf ihre eigenen Schwächen zurückführte, zu einer, die Anna Freud die Schuld gab. Am meisten beschuldigte sie, sie wieder zu "dem Kind" zu machen, "das sich unweigerlich der Macht und Autorität von den Eltern unterwerfen muss".

Menakers Memoiren sind ein letzter Versuch, durch Anna Freud mit ihrer eigenen Mutter abzurechnen, die sie Gefühle von Minderwertigkeit, Ohnmacht und Schwäche wiedererleben ließ. Um die Angst vor dem Verlust (der Mutter) zu überwinden, musste das Kind "unterwürfig" und "demütig" sein. Menakers Stimme in Appointment ist eine von Widerstand und Rache und nicht unbedingt von Autorität, obwohl sie wiederholt auf ihre eigenen psychoanalytischen Publikationen wie Masochism and the Emergent Ego (1979) verweist und diese auch zitiert. Aus der Sicht von Menaker trennte sich Anna Freud nie von ihrem Vater, um eine eigenständige Person zu werden. Menaker fühlte sich von ihrer Analytikerin "herabgesetzt", aber, wie ich meine, wird in Appointment in Vienna auch Anna Freud herabgesetzt. Es scheint sie in die Tochter ihres Vaters zu verwandeln, in das Objekt der Analyse des berühmten Mannes, in die ergebene Schülerin der Theorien ihres Vaters auf Kosten eines eigenen Lebens als  reife Erwachsener. Es scheint, dass 1930er Menakers Beziehung zu Anna Freud in den 1930er Jahren war wie Anna Freuds Beziehung zu ihrem Vater war. Wie Menaker es sieht, war die nicht Ebenbürtige voller Ehrfurcht für die Überlegene. Dies ist die Parallele, die Menaker nicht mochte. Sie wollte nicht abhängig und somit unterlegen sein, daher musste sie Anna Freud entmystifizieren, damit sie endlich ihren eigenen Reifeprozess durchlaufen konnte. Für Menaker ist es ein Zeichen der Reife, die "widersprüchlichen Gefühle und Impulse" in einem Individuum zu akzeptieren; In Appointment entfaltet sie sowohl ihre Bewunderung für Anna Freud als auch ihren Groll, aber statt beide in ein Gleichgewicht zu bringen, scheint sie das Bedürfnis zu haben, endlich ihre Ehrfurcht zu überwinden und ihren Groll zu erklären. Dies ist kein Gleichgewicht.

Dass Menaker ihre eigene psychologische Agenda hat, liegt auf der Hand, als Anna Freuds Biografen, darunter auch Wilhelm Salber, ihre Eindrücke aus der Zeitbeschrieben, als Sigmund Freud Krebs hatte und einunddreißig Mal operiert werden musste. Nach Salbers Ansicht  ist es Anna Freud, die das Familienoberhaupt wird, ohne ihrem Vater das Gefühl des Verlustes von Autorität und Kontrolle zu geben. Sie schuf eine große "Familie" um ihren Vater, die sich aus der tatsächlichen Familie, Freunden, Patienten und ihren Verwandten, Lehrern und Kollegen zusammensetzte. Sie etablierte eine Gruppe, die sich regelmäßig traf, um Kinderpsychoanalyse zu diskutieren, darunter Siegfried Bernfeld (1892-1953) und August Aichhorn (1878-1949), und regelmäßig zusammen mit Dorothy Burlingham Seminare für Kindergärtnerinnen lehrte. Anna Freud wurde auch eine "Mutter" für viele Kinder, wie für den Sohn ihrer toten Schwester Sophie und Dorothy Burlinghams vier Kindern.

Sie hat allen geholfen, aber sie wirkte auch überwältigend. Für Anna Freud erwies sich die Freundschaft mit Jeanne Lampl-de Groot, Marianne Rie-Kris und Dorothy Burlingham als eine, die die Zeit, Verfolgung und Flucht überstanden hatte. Dorothy Burlingham lebte bei der Familie Freud in der Berggasse 19, unterzog sich einer Analyse und wurde von Sigmund Freud trainiert, und "war eine der ersten Teilnehmerinnen am Seminar für Kinderanalyse mit Anna Freud [...]" (M.J. Burlingham). 1938 floh sie mit ihnen nach England, nachdem sie schon einige Jahre Analyse praktizierte (vgl. M.J. Burlingham). Während Esther Menaker sich Anna Freuds Leben isoliert vorstellt wie eine alte Jungfer, die in Unkenntnis von Sex und Sexualität lebt, erzählen einige ihrer vielen Biographen eine andere Geschichte, nämlich die eines weitgehend erfüllten Lebens innerhalb eines großen Kreises aus Familie, Freunden und Kollegen. Weil Menakers Ängstlichkeit von ihrer Mutter auf sie übertragen worden war, schien Menaker den Wunsch entwickelt zu haben, diesen emotionalen Zustand auch bei denen zu finden, zu denen sie aufblickte, wie es bei Anna Freud der Fall war, und dennoch brauchte sie Führung und Autorität.

Zwei Jahre später - als sie zum ersten Mal schwanger wurde - endete ihre Analyse. Diese Schwangerschaft endete jedoch mit einer Fehlgeburt, und folglich mit einem emotionalen Ungleichgewicht, das sie dazu veranlasste, die Analyse mit Anna Freud fortzusetzen, aber dieses Mal verweist diese sie an Dr. Willi Hoffer. Zu dieser Zeit war Menaker zum zweiten Mal schwanger. Mit der Geburt ihres Sohnes Michael und dem nahenden Ende ihres Studiums wurde Menaker Teil eines Kreises von Psychoanalytikern, die sich regelmäßig mit Anna Freud trafen, um über Kinderanalysen zu diskutieren. Auch hier ist Menakers Kritik wieder verheerend: "Einige, wie Margaret Mahler oder Lily Peller, haben selten Kommentare in der Gruppe abgegeben. Ich fühlte ihre Hemmungen waren eine Antwort auf die überintellektualisierte Atmosphäre, die Anna Freud schuf". Nach fünf Jahren in Wien kehrten die Menakers nach New York zurück. Esther Menakers letztes Abschiedstreffen mit Anna Freud war voller "Zurückhaltung und Formalität, wie es nun mal ihr [Anna Freuds] Stil war". Aufgrund Sigmund Freuds Abneigung gegen die USA, kündigte seine Tochter an, niemals in die USA zu reisen. Trotz des fehlenden medizinischen Abschlusses ließen sich die Menakers nach und nach in der Psychoanalyse nieder. Menakers letzter Kontakt mit Anna Freud durch einen Brief sollte der Amerikanerin ein Gefühl der Akzeptanz in diesem Bereich geben. Freuds Antwort war jedoch voll von "Formalität und Kälte": "Ihre Antwort erreichte jedoch eine wichtige Sache: Sie unterstrich eine Unabhängigkeit und Selbstdarstellung, die ich immer hatte, und mich dazu brachte, diese zu kultivieren, anstatt weiterhin nach Akzeptanz durch ein analytisches Establishment zu suchen, in dem ich keinen richtigen Platz hatte. Ich entwickelte meine eigene Praxis und begann, meine eigenen Ideen schriftlich auszudrücken. Dies war die Heimkehr, in der ich zu mir selbst zurückkehrte". In späteren Jahren, als viele Psychoanalytiker von Wien nach New York flüchteten, waren die Wiener immer noch "der orthodoxen Freud‘schen Theorie treu" und unfähig, Empathie für das Leiden der Menakers zu zeigen, weil sie keine medizinischen Abschlüsse hatten. Überall, wo die Menakers beruflich tätig waren, schienen sie Ablehnung zu empfinden. Darüber hinaus projizierte Esther ihre eigenen Gefühle in die Gedanken der Wiener Psychoanalytiker: "Ich wusste, dass er [Willi Hoffer] - wie auch Anna Freud - mich während meines Wiens Aufenthaltes als einen unreifen, impulsiven, unstabilen Menschen betrachtet hatten, die kaum die ideale Kandidatin für eine analytische Karriere war". Ähnlich geht es ihr in ihrem "Epilog", in dem sie ihre eigene Reifung betont: "Ich weiß jetzt, dass die Fehleinschätzungen und Missverständnisse von mir zu einem großen Teil auf den kulturellen und psychologischen Einschränkungen meiner Beobachter beruhten, vor allem Anna Freud und Willi Hoffer". Anna Freud erkannte sie 1950 nicht einmal wieder, als sie schließlich doch die USA besuchte. Menaker führt diese Nichtanerkennung auf "ihre Desorientierung in ungewohnter Umgebung zurück, die von einer leichten Misanthropie wie die ihres Vaters spricht und zu einem Mangel an sozialer Grazie führt", das  sie auch beschreibt als "menschliche Schwäche - ihre Engstirnigkeit und Starrheit, die Grenzen ihrer Lebenserfahrung und ihre soziale Angst [...]". Menaker ärgert sich über die Überlegenheit der Wiener Psychoanalytiker, die ihr nach ihrer Ansicht nach entgegengebracht wurde.

Anna Freud, gefeiert und von vielen respektiert, wie zum Beispiel von Muriel Gardiner, und die die Ehrendoktorwürde "von Yale, Harvard, Columbia, der Universität Wien und der Königin des britischen Empire" (MJ Burlingham) erhielt, bekommt von Esther Menaker in ihren Memoiren ein höchst kritisches Urteil. Ich behaupte, dass Menakers Erinnerungen an ihre Zeit in Wien und ihr Platz in der Psychoanalyse von ihrem eigenen Minderwertigkeitskomplex geprägt sind, der tief, aber nicht ausschließlich, in ihrer eigenen Kindheit verwurzelt ist, und diese Erfahrungen (insbesondere die mit ihrer Mutter) auf Anna Freud überträgt. Die Tatsache, dass Psychoanalytiker - ohne einen medizinischen Abschluss -  beruflich nicht als gleichwertig betrachtet wurden, führte zu einer Verstärkung dieses Komplexes. Was man jedoch nicht vergessen sollte, ist, dass Anna Freud selbst auch keinen medizinischen Abschluss hatte und daher auf Augenhöhe gewesen wäre, eine Tatsache, die Esther Menaker nie erwähnt.

Was Menaker nicht zu erkennen scheint, wenn sie mit Paul Roazen, "einem führenden Historiker der Psychoanalyse" (Lieberman, 2015) und anderen Kritikern der Familie Freud und deren Theorien und Praktiken der Psychoanalyse übereinstimmt, ist, was Shuli Barzilai in einer Rezension von Suzanne Stewart-Steinbergs Studie über Anna Freud schreibt, als sie von "Anna Freuds lebenslanges Projekt" spricht, nämlich "das Ego, die besonders verletzliche psychische Instanz in den Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust, schützen und erhalten wollte. Ein traumatisiertes und/oder irrationales menschliches Subjekt", wie Stewart-Steinberg kommentiert, "untergräbt die Demokratie und unterstützt totalitäre Institutionen und Regime". Das Dilemma, das sowohl der Rezensentin als auch Stewart-Steinberg in Anna Freuds Leben und professionellem Schaffen sehen, ist geprägt von "zwei konkurrierenden Überzeugungen: Treue zu den Lehren ihres Vaters und Treue zu ihrer tief verwurzelten Überzeugung zur Notwendigkeit, den psychoanalytischen Fokus weg von unbewussten Prozessen (das Id) auf die bewusste Abwehr (das Ego) zu verschieben". Anna Freuds Vermächtnis, wie es in einigen der hier vorgestellten amerikanischen Ansichten sichtbar wird, scheint die Spaltung in der psychoanalytischen Theorie und Praxis fortzusetzen, die seit ihrer Gründung ein unbestreitbarer Bestandteil der Psychoanalyse ist.
 

Quellen:

- Barzilai, Shuli. “Impious Fidelity: Anna Freud, Psychoanalysis, Politics by Suzanne Stewart-Steinberg (Review).” Partial Answers:  Journal of Literature and the History of Ideas 12.1 (Jan. 2014): 192-96. DOI: https://doi.org/10.1353/pan.2014.0009.
- Burlingham, Michael John. The Last Tiffany: A Biography of Dorothy Tiffany Burlingham. New York: Atheneum, 1989. Print. Republished as Behind Glass: A Biography of Dorothy Tiffany Burlingham. New York City: Other P, 2002. Print.
- Coles, Robert. Anna Freud: The Dream of Psychoanalysis. Reading, MA: Merloyd Lawrence; Addison-Wesley, 1992. Print.
- Freud, Anna. Foreword. Code Name “Mary”: Memoirs of an American Woman in the Austrian Underground. By Muriel Gardiner. New Haven, CT: Yale UP, 1983. xi-xiii. Print.
- Gardiner, Muriel. Code Name “Mary”: Memoirs of an American Woman in the Austrian Underground. New Haven, CT: Yale UP, 1983. Print.
- Lieberman, E. James. “On the Freud Watch: Public Memoirs (Review).” Bulletin of the History of Medicine 79.1 (Spring 2005): 164-65. DOI: https://doi.org/10.1353/bhm.2005.0032.
- Menaker, Esther. Appointment in Vienna: An American Psychoanalyst Recalls Her Student Days in Pre-War Austria. New York: St. Martin’s P, 1989. Revised edition: Misplaced Loyalities. New Brunswick, NJ: Transaction P, 1995. Trans. Schwierige Loyalitäten: Psychoanalytische Lehrjahre in Wien 1930-1935. 1995. Übers. Brigitte Janus-Stanek. Gießen: Psychosozial-Verlag, 1997. Print.
- Roazen, Paul. On the Freud Watch: Public Memoirs. London: Free Association Books, 2003. Print.
- Salber, Wilhelm. Anna Freud. 1985. Reinbek bei Hamburg: rororo, 1991. Print.
- Stewart-Steinberg, Suzanne. Impious Fidelity: Anna Freud, Psychoanalysis, Politics. Ithaca, NY: Cornell UP, 2011. Print.
- Warner, Lyle L. “Ruth Mack Brunswick.” Jewish Women: A Comprehensive Historical Encyclopedia. 1 March 2009. Jewish Women’s Archive. https://jwa.org/encyclopedia/article/brunswick-ruth-mack. 20 Febr. 2018. Web.


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