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Leitartikel


DER WIENER PSYCHOANALYTIKER möchte nicht nur bereits international etablierten Psychoanalytikern/Innen, sondern auch noch unbekannten Psychoanalytikern/Innen die Gelegenheit geben einen selbstverfassten, bisher noch nicht publizierten Artikel auf der Titelseite unseres Onlinemagazins zu posten!

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„Wenn es in Paris regnet, tröpfelt es in Brüssel“

Autor/in: Sabrina Zehetner (DWP)

(25.05.2018)
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Wir haben die Psychoanalyse in Belgien unter die Lupe genommen.

Ich möchte mich an dieser Stelle herzlich bei Johan de Groef und der psychoanalytischen Gemeinschaft in Belgien bedanken.  

Die Entwicklung der Psychoanalyse in Belgien ist eng mit der komplexen Geschichte und Diversität des Landes verbunden. Sigmund Freud selbst besuchte Brüssel auf seiner Reise nach Paris und beschreibt die kosmopolitische Stadt wie folgt:

"Brüssel war wunderschön, riesige Stadt, herrliche Bauten, die Straßenaufschriften franz. u. vlämisch […] einen steilen Hügel kam, wo sich ein Gebäude zeigte, von einer Massenentwicklung u. Säulenpracht, […] Ich hielt es wirklich für den königl. Palast, […] Es war der Justizpalast. […] Oben weitergehend, kam ich bald in die Rue Royale u. nun folgte ein Fund den anderen, das Denkmal von Egmont u. Horn war das schönste.“


Die institutionelle Landschaft

Wenn man nach der Psychoanalyse in Belgien sucht, so blickt man unweigerlich zum großen Nachbarn Frankreich und Jacques Lacan, der sogar die in Belgien wichtigen Namen Freud, Bion und Klein in den Schatten stellt. Die IPA (International Psychoanalytic Association), die Belgian School for Psychoanalysis, die New Lacanian School mit ihren zwei Ablegern in Flanders und der Wallonie, und die Espace analytique de Belgique sind bedeutende psychoanalytische Organisationen in Belgien. Bei der hohen Anzahl an Splittergruppen fällt es jedoch schwer den Überblick zu behalten. Nach dem 2. Weltkrieg war besonders die Wallonische Region Belgiens, sowohl geografisch als auch akademisch, sehr eng mit Paris verbunden. Bis heute konzentriert man sich in der Wallonie auf Lacan und seine Lehre. In den 1950er Jahren entschieden sich viele belgische Psychologe-Studierende dazu einen Teil ihrer Studienzeit in Paris zu verbringen, und sind dadurch mit Lacan und der Strukturalismus-Bewegung in Berührung gekommen. Als sie in den 1960er Jahren nach Belgien zurückkehrten, und sich der Belgischen Vereinigung anschließen wollten, wurden sie auf Grund des ideologischen Konflikts nicht akzeptiert, und gründeten die Belgische Schule für Psychoanalyse (1965). Später wollten sich auch diese Mitglieder voneinander trennen, da die Schule als nicht „lacanian“ angesehen wurde.  In beiden Organisationen, der Belgische Vereinigung und der Belgische Schule, dominierte  zunächst die französische Sprache, bevor Niederländisch Einzug hielt. „Wenn es in Paris regnet, tröpfelt es in Brüssel“, stellt Johan De Groef, Psychoanalytiker und ehemaliger Präsident der Belgischen Schule für Psychoanalyse, fest. Und dies nicht ohne Grund, denn Spaltungen innerhalb der Lacan’schen Schulen in Frankreich - beginnend mit Lacans Trennung von der Société psychoanalytique de Paris - fanden kurze Zeit später auch in Belgien statt (New Lacanian School of Psychoanalysis). In anderen psychoanalytischen Gruppen, wie in Ghent oder innerhalb der kleinen Gruppe der Jungianer (Belgian School for Jungian Psychoanalysis), erfolgten weitere Abspaltungen. „Ich denke, dass keine therapeutische Bewegung so viele Spaltungen hatte. Das hat sicher auch mit der persönlichen Entwicklung der Psychoanalytiker zutun. Psychoanalyse hat etwas sehr subversives und ein schwieriges Verhältnis zu allem, was Institution betrifft“, meint Johan de Groef. So gibt es Gruppen, die z.B. eine kritische Distanz zu Lacan aufweisen und jene, die sich kompromisslos mit ihm identifizieren. Sobald die Ideologie der einzelnen Mitglieder einer psychoanalytischen Organisation auseinanderdriftet, so tut es auch die Institution – ein Phänomen, das nicht nur Belgien betrifft, sondern sich weltweit innerhalb der psychoanalytischen Community beobachten lässt, und zweifelsohne nicht zur besseren Verständlichkeit der Psychoanalyse im öffentlichen Diskurs beiträgt. 


Sprache

Die sprachliche Situation in Belgien ist kompliziert. Die drei anerkannten Sprachen sind Französisch, Niederländisch und Deutsch, aber keiner der in Belgien ansässigen psychoanalytischen Organisation ist dreisprachig. Wenn psychoanalytische Werke nicht in Niederländisch oder Französisch publiziert werden, ist die sprachliche Barriere bedeutend und eine Hürde, um Freud im Original zu lesen. Sprache ist eng mit Kultur und Geschichte verwoben – im Fall von Deutsch wird die Sprache, und damit auch Freud, noch immer primär mit dem 2. Weltkrieg assoziiert. Man kann mit Sicherheit sagen, dass der Ruf der deutschen Sprache kein besonders guter ist. Die Tatsache, dass Freud ein Atheist war und die menschliche Sexualität zu einem zentralen Thema machte, war vor allem auch im katholisch geprägten Gebiet ein Problem. Da die Sprache vor allem in der Psychoanalyse, aber auch als Lebens- und Denkraum essentiell ist, darf ihre Rolle als Kommunikator psychoanalytischer Fragestellungen nicht unterschätzt werden. Sie beeinflusst sowohl Analyse als auch den Diskurs über sie.


Lehre

Die Psychoanalyse war immer außerhalb der Universität verortet. Trotzdem unterrichteten früher auch Psychoanalytiker in Feldern wie z.B. der Philosophie oder Psychologie.

Professoren wie der Psychoanalytiker und Mitbegründer der Espace analytique de Belgique Patrick de Neuter, der auch in Leuven unterrichtete, brachten die Psychoanalyse auch an die großen Universitäten.  Dies ist heute nur noch selten der Fall. Allerdings bietet die Universität in Leuven einen postgradualen Studiengang der psychanalytischen Psychotherapie an, und auch die Universität in Ghent verfügt über ein Institut für „Psychoanalysis and Clinical Consulting“, an dem der bekannte Psychoanalytiker Paul Verhaeghe lehrt. Bis auf wenige Ausnahmen ist die psychoanalytische Ausbildung jedoch in fester Hand der psychoanalytischen Institutionen, wie z.B. dem Belgian Psychoanalytic Society Training Institute in Brüssel. Auch wenn sich vermehrt junge Erwachsene für das Feld interessieren, ist der Ruf der Psychoanalyse, die als teuer und ineffizient betrachtet wird, als Therapieform in Belgien noch immer sehr ambivalent. Johan De Groef sieht die Gründe dafür sowohl extern als auch intern: „Ich denke, hier gibt es sehr viele falsche Klischees, die auch manche Analytiker ermöglicht haben. Die Psychoanalyse hat ein Kommunikationsproblem.“


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