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Leitartikel


DER WIENER PSYCHOANALYTIKER möchte nicht nur bereits international etablierten Psychoanalytikern/Innen, sondern auch noch unbekannten Psychoanalytikern/Innen die Gelegenheit geben einen selbstverfassten, bisher noch nicht publizierten Artikel auf der Titelseite unseres Onlinemagazins zu posten!

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(Werden Personenbezeichnungen aus Gründen der besseren Lesbarkeit lediglich in der männlichen oder weiblichen Form verwendet, so schließt dies das jeweils andere Geschlecht mit ein.)

Das Tabu

Autor/in: Silvia Prosquill (DWP)

(27.12.2017)
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Freud bezeichnet in seinem Werk „Totem und Tabu“ (1913) bereits eine etymologische Begriffserklärung als schwierig. So entstamme das Wort Tabu aus dem polynesischen Sprachraum, allerdings fehle uns der damit bezeichnete Begriff. Die Suche der Begriffsherkunft aus dem Römischen („sacer“ – heilig, verflucht), dem Griechischen (άγος [hagos] – abscheulich, ἅγιος [hagios] – heilig) und Hebräischen hebt er die in den Begriffen immer enhaltene, entgegengesetzte Mehrdeutigkeit hervor. So findet sich in der Wortbedeutung jeweils einerseits „heilig und geweiht“ und andererseits „verboten und gefährlich“, dem Freud den abendländischen Begriff der „heiligen Scheu“ gegenüberstellt.

Diese entgegengesetzten Bedeutungen markieren für Freud auch die Besonderheit des Begriffs. So ist ein Tabu nicht mit gewöhnlichen Verboten vergleichbar:

„Die Tabubeschränkungen sind etwas anderes als die religiösen oder moralischen Verbote. Sie werden nicht auf das Gebot eines Gottes zurückgeführt, sondern verbieten sich eigentlich von selbst; von den Moralverboten scheidet sie das Fehlen der Einreihung in ein System, welches ganz allgemein Enthaltungen für notwendig erklärt und diese Notwendigkeit auch begründet. Die Tabuverbote entbehren jeder Begründung; sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich, erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft stehen“ (Freud, 1918).

Für eine objektive Darstellung zieht Freud schließlich den Anthropologen W. Thomas Northcote (1910) mit einer Definition in seiner „Encyclopedia Britannica“ heran:

„Streng genommen umfaßt tabu nur a) den heiligen (oder unreinen) Charakter von Personen oder Dingen, b) die Art der Beschränkung, welche sich aus diesem Charakter ergibt und c) die Heiligkeit (oder Unreinheit), welche aus der Verletzung dieses Verbotes hervorgeht […]“ (Northcote, 1910).

Darüber hinaus beruft sich Freud auf Wilhelm Wundt, den Begründer der akademischen Psychologie, und dessen Werk „Völkerpsychologie“. Wundt versteht das Tabu als eine Form des Glaubens der Urbevölkerung an dämonische Wesen und demgemäß als älteste Gesetzesform der Menschheit, die schon vor der Existenz jedweder Religion vorhanden war.


Freuds persönliche Erfahrungen mit dem Tabu

Freud wurde oftmals als gesellschaftlicher Tabubrecher bezeichnet. Nach dem Umzug seiner Familie von Mähren nach Wien erlebte er sowohl die rigiden Tabus der Wiener Gesellschaft als auch die gut kaschierte Doppelmoral des Fin de siècle. Arthur Schnitzler, Autor und Zeitgenosse Freuds, beschäftigte sich mit gesellschaftskritischen Themen, die er als Grundlage für seine Stücke nahm und ließ die sexuelle Doppelmoral und die Tabubrüche immer wieder zum Mittelpunkt seiner Werke werden. Er zeigte, was sich unter dem Glanz der ausklingenden Monarchie und dem Zauber der blendenden Montur verbarg. Das sittliche Diktat der katholischen Kirche hatte einen starken Einfluss und prägte das persönliche und gesellschaftliche Leben zu Freuds Zeit maßgeblich. Sigmund Freud selbst war in seiner Liebesbeziehung stark eingeengt, da er seine Verlobte, Martha Bernay jahrelang nur während kurzer Besuche sehen durfte. Viele Jahre hatte Freud das Tabu der Unberührtheit seiner Verlobten zu respektieren und sich zu bemühen eine finanzielle Basis als Voraussetzung für eine mögliche Eheschließung zu schaffen.


Tabu und Inzestscheu

In seinem Werk „Totem und Tabu“ stellt Freud einen ethnologischen Vergleich zwischen unserer Gesellschaft und den Naturvölkern an. Er befasst sich in dem Zusammenhang mit der Inzestscheu und macht uns mit den Gebräuchen der australischen Ureinwohner bekannt, die das Inzestverbot einhalten mussten. Ein Totem kann ein Tier, eine Pflanze oder eine Naturkraft sein, zu der die Sippenmitglieder eine besondere Beziehung haben. Selbst Mitglieder einer Totemfamilie, die einander nicht kennen, sind mit diesem Inzestverbot belegt. Die Exogamie wurde strengstens eingehalten und massiv sanktioniert. Dies stand im völligen Gegensatz zu den Vorschriften und sittlichen Gebräuchen in Europa im angehenden 20. Jahrhundert. So war es in Herrscherhäusern wie auch in sehr entlegenen Gegenden durchaus noch üblich, dass Mitglieder einer Familie selbst bei Verwandtschaft ersten Grades, heirateten. Es bestand weder eine Heiratsbeschränkung noch ein Verbot.

Freud erläutert in vielfachen Beispielen aus unterschiedlichen Kulturen und auf verschiedenen Kontinenten dieses Vermeidungsgebot, die er mit den Erkenntnissen der Psychoanalyse zusammenführt. Er stellt die Inzestscheu dem frühkindlichen inzestuösen Begehren des Kindes nach einem verbotenen Liebesobjekt gegenüber. In der Psychoanalyse wird uns verdeutlicht, wie sich der Adoleszente einerseits vom inzestuösen Begehren lösen oder andererseits auf dieser psychosexuellen Stufe verharren kann. Im Falle des Überwindens befindet sich der junge Mensch auf dem Weg zu einer gesunden und reifen Sexualität. Im Falle des Verharrens gilt es Freuds Ansicht nach zwei Formen zu unterscheiden. Erstens kann es zu einer Entwicklungshemmung kommen, die eine Weiterentwicklung in Richtung reife Sexualität behindert. Als zweite Möglichkeit steht eine Regression im Raum, die ein Zurückfallen auf eine unreife psychosexuelle Stufe bedeuten würde.

Hier findet sich für Freud auch die Erklärung zur Neurosenentstehung. Das inzestuöse Begehren zu den Eltern markiert den Kernkomplex der Neurose. Diese Theorie stieß auf Entrüstung und massiven Widerstand, der auch als Verdrängungsmechanismus verstanden werden kann und der Abwehr bedrohlich empfundener Gefühle dient – ein Tabu. 


Die dreiteilige Struktur des Tabus

Gerhard Kubik, Psychoanalytiker und Kulturanthropologe, ist es 1966 erstmals gelungen eine dreiteilige Struktur des Tabus zu definieren. Diese Dreiteilung beinhaltet die Nennung des Tabus, im Weiteren die Sanktionsandrohung und zuletzt die Exit-Klausel, die erklärt, wie man die drohende Sanktion abwenden kann.

Kubik unterstreicht in seinem Werk den von Freud postulierten Bezug zwischen Tabu und Zwangshandlungen. Er versteht unter dem Tabu eine, schon lange internalisierte und innerpsychisch taugliche Zensur, deren Ursprung nicht verifizierbar ist. Aus psychoanalytischer Sicht handelt es sich bei einem Tabu um ein „verschobenes Verbot“ , das die Unterdrückung von Trieben und geheimen Wünschen zur Aufgabe hat. In seinen assoziativen Gesprächen mit den Einheimischen wandte Kubik eine gelenkte psychoanalytische Konversationstechnik an, um an unbewusste Inhalte und emotionale Belastungen heranzukommen. Nach seiner Expedition 1965 nach Angola beschreibt er das Tabu, wonach es einem Vater verboten ist, das Haus seines Sohnes und der Schwiegertochter zu betreten, da er auf das Bett schauen könnte. So zeigt sich in diesem Tabu die Vermeidung unerlaubter Wünsche und Triebe, die in diesem Fall in der Gefahr ödipaler Überschreitung liegt, da sich der Vater an die Stelle des Sohnes wünschen könnte. Über das Tabu werden geheime Neigungen, nicht wie bei Verboten ins Unbewusste verdrängt, sondern – so wie hier die ödipalen Wünsche – ganz offen von der Gesellschaft reglementiert. In diesem angeführten Bericht aus Angola zeigt sich darüber hinaus eine Ausweitung des Inzestverbotes auf die Schwiegertochter, um inzestuöse Gedanken zu verhindern. Zur Vermeidung dieser vorhandenen Wünsche wird der Tabu-Kreis erweitert, indem das Haus des Sohnes nicht mehr betreten werden darf.


Tabus der Gegenwart

Claudia Benthien und Ortrud Ortjahr beziehen sich auf die „leitenden Tabus und ihre kulturelle Signifikanz“ sowie auf „Enttabuisierung in den Künsten und Populärkultur“.. Sie weisen in ihrer Arbeit auch auf die gesellschaftlichen Folgen für den Tabubrecher hin, die der Betroffene noch zusätzlich zu der strengen Strafe durch sein Überich erfährt. Sie machen darauf aufmerksam, dass der Wertekanon einer Kultur über ihre Tabus festgelegt wird. Dies zeige sich besonders in den Vorschriften der Religionen, die durch Bekenntnisbestimmungen, Schweigepflicht, Reinheitsgebote, Verbieten von Sünden, Glaubensverfehlung und Speiseanordnungen versuchen Macht auszuüben. Es werden religiöse Tabus im Bereich der Sexualität aufgezeigt, die sich auf Homosexualität, Inzest, Transsexualität, sowie im Gebiet der Gewalt auf Tötung, Suizid, Vergewaltigung und Kannibalismus beziehen. Homosexualität findet sich als Tabu im letzten Jahrhundert, welches eine Karriere beenden konnte und in gewissen Kreisen, wie bei den k.u.k. Offizieren, einen Grund für Selbstmord darstellte.

Der wellenförmige Zyklus des Tabus führt zuerst zu einer Tabuisierung, dann zu einer Enttabuisierung und schließlich wieder zu einer Tabuisierung. In der Tabudynamik ist damit kein linearer Verlauf zu erwarten. Im wissenschafts-historischen Kontext lässt sich ein Tabu als Verhaltenskodex mit transkultureller Wichtigkeit und kulturspezifischer Tragweite definieren. Primär waren es die Missionare, die uns die Grundlagen für die Tabus näher brachten, doch im endenden 19. Jahrhundert setzte eine Welle der kulturanthropologischen Forschung ein, die uns eine relevante Analyse der Tabus in Beziehung zu Religion und Ethik mitbrachte.

Tabus, die das Thema Fruchtbarkeit betreffen, rühren tief an den narzisstischen Wurzeln. Bis heute stellt die Impotenz bei Männern oder die Unfruchtbarkeit bei Frauen ein Tabu dar, da es in der Gesellschaft als ein Muss gesehen wird, ein guter Liebhaber zu sein, beziehungsweise eine Selbstverständlichkeit bedeutet, Kinder in die Welt zu setzen. Daher zählen z.B. auch die medikamentöse Impotenz-Behandlung oder die Inanspruchnahme extrauteriner Befruchtung zu den bestgehüteten Geheimnissen unserer Zeit. Die genitale Unvollkommenheit stellt eine der größten narzisstischen Kränkungen der Menschen dar, da sie mit der emotional hoch besetzten Fortsetzung von Generationen, mit Trieberfüllung, Befriedigung und dem koitalen Vollzug zwischen den Liebespartnern verbunden ist.

Den sexuellen Tabus widmen sich die beiden Autorinnen mit großer Offenheit und sie zeigen auf, dass auch im 21.Jahrhundert Themen wie Promiskuität, Abtreibung, Masturbation und Sexualität im Alter immer noch mit großen Vorbehalten begegnet wird. Auch der heutige Begriff der „political correctness“ ist als eine Art modernes Tabu zu sehen, in dem es keine Ausgrenzung von Nationalitäten, Hautfarben, Geschlecht, Ethnien und religiösen Zugehörigkeiten geben. Dies wird von den Autorinnen auch als Resultat einer Zeit, in der ein Typus geradezu kreiert wurde, der blond, stark, treu vaterlandlieb und führertreu war verstanden. Wer diesem Bild nicht entsprach, wurde nach den damals herrschenden Rassengesetzten ausgesondert. Zur Wiedergutmachung eines verletzten Tabus können mit Freud Bußhandlungen und Reinigungsrituale herangezogen werden. Dem Verständnis des Autors nach kommt die Strafe für das Übertreten eines Tabus v.a. aus der inneren Instanz, ein verletztes Tabu rächt sich in diesem Sinn selbst:

„Wer ein Tabu übertreten hat, der ist dadurch selbst tabu geworden“.


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