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Leitartikel


DER WIENER PSYCHOANALYTIKER möchte nicht nur bereits international etablierten Psychoanalytikern/Innen, sondern auch noch unbekannten Psychoanalytikern/Innen die Gelegenheit geben einen selbstverfassten, bisher noch nicht publizierten Artikel auf der Titelseite unseres Onlinemagazins zu posten!

Im Forum werden dann dazu alle User Stellung nehmen, Fragen formulieren und kommentieren können. Wir wollen dadurch einen bisher so noch nicht dagewesenen, internationalen Gedankenaustausch zwischen Psychoanalyse-Interessierten ermöglichen.
Aktuelle Textsprache ist Deutsch und/oder Englisch.

Bei Interesse, Ihre Zusendungen bitte an:
leitartikel@derwienerpsychoanalytiker.at


(Werden Personenbezeichnungen aus Gründen der besseren Lesbarkeit lediglich in der männlichen oder weiblichen Form verwendet, so schließt dies das jeweils andere Geschlecht mit ein.)

"IM GESPRÄCH MIT"

Autor/in: DARIUS WESNER ESTEVENSON

(13.12.2017)
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In unserer Interviewreihe "Im Gespräch mit" stellen wir kurz die AutorInnen der Leitartikel vor.
Damit wollen wir unseren Lesern die Möglichkeit geben, die Leitartikel auch aus einer anderen Perspektive lesen zu können.
Diese Woche freuen wir uns mitzuteilen, dass ein Autor sich dazu entschlossen hat einen zweiten Artikel zu veröffentlichen.
Daher ist sein einleitendes Interview dieses Mal leicht abgeändert. Darius Wesner Estevensons erstes Interview können Sie hier nachlesen:
Im Gespräch mit
und Darius Wesner Estevensons ersten Artikel finden unsere eingeloggten User hier vor:
Zur Kritik an: Das Unbehagen in der Kultur


Wir freuen uns ganz herzlich Darius Wesner Estevenson aus Case-Pilote, Martinique ein weiteres Mal begrüßen zu dürfen:

Geboren 25/09/1975 in Port-au-Prince, Haiti
Verheiratet, drei Kinder.
Qualifikationen
2013-2012: Master 2 in der Psychoanalyse. Universität Paris 8.
2012-2011: Master 2 in Geisteswissenschaften/Philosophie und Kritik der zeitgenössischen Kultur. Universität Paris 8.
2006-2005: MA in Französisch als Fremdsprache. Universität der französischen Antillen und Guyana.
2003-1999: Diplom in moderner Literatur an der Hochschule Port-au-Prince.

Die Psychoanalyse war schon zu Zeiten Freuds immer eine Stimme der Kritik, an der Kultur und an den Humanwissenschaften. Aus dieser Perspektive kritisiert Lacan die Gesetze des Geldhandels, welche die Grundlage der kapitalistischen Wirtschaft sind. Nachdem ich auch gegen die Grausamkeit dieses kapitalistischen Systems bin, erregte dieses Zitat meine Aufmerksamkeit:

1) Nehmen Sie einer der dümmsten Geschichten, die des Herrn, der in einer Bäckerei behauptet, nichts zum Zahlen zu haben - Er streckt die Hand aus und bittet um einen Kuchen, er nimmt den Kuchen und bittet um ein Glas Schnaps, er trinkt den Schnaps, man bittet ihn, das Glas Schnaps zu bezahlen, und er sagt - ich habe stattdessen einen Kuchen gegeben. - Aber diesen Kuchen haben Sie auch nicht bezahlt - aber ich habe ihn nicht gegessen. Da ist der Austausch. Aber wie hat er angefangen, der Austausch? Es dauerte einen Moment, bis etwas in diesen Kreis des Austausches kam. Es war also notwendig, dass der Austausch etabliert wurde. Das heißt, dass wir am Ende immer noch für das kleine Glas Schnaps mit einem Kuchen bezahlen, den wir nicht bezahlt haben. (Le séminaire livre II, Le moi dans la théorie de Freud et dans la technique de la psychanalyse, Seuil, 1978, p. 273)

Darüber hinaus beschreibt Lacan in „Das Seminar Buch III“ die Möglichkeit des Wahnsinns für alle, einschließlich der Analysten. Ich denke, dass der Autor sehr subversiv ist, und dass er eine radikale Infragestellung des psychoanalytischen oder psychologischen Ansatzes beim Wahnsinn ankündigt. Hier ist der entsprechende Auszug:

2) Wissen wir, Psychoanalytiker, etwa nicht, dass das normale Subjekt im Wesentlichen jemand ist, der in der Lage ist, die meisten seiner inneren Stimmen nicht ernst zu nehmen? Beobachten Sie in normalen Subjekten und damit bei sich selbst, die Anzahl der Dinge, die in Ihrem Beruf wichtig sind, die Sie nicht ernst nehmen. Das ist vielleicht nichts anderes als der erste Unterschied zwischen Ihnen und dem Geisteskranken. Und deshalb verkörpert der Geisteskranke für viele, ohne es zu sagen, was passieren würde, wenn wir anfangen würden, die Dinge ernst zu nehmen. (Le séminaire Livre III, Les psychoses, Seuil, 1981, p. 140)

Schließlich wurde ich von einem Zitat angezogen, das in gewisser Weise eine Kritik an Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ ist. Es geht um die Komplexität der Folgen des Ödipuskomplexes beim Frau werden und das Mysterium der Weiblichkeit. Es scheint, dass das hysterische Symptom nicht beim Frauwerden, sondern beim Mysterium der Weiblichkeit auf der symbolischen Ebene ist. Und weder Mann noch Frau haben eine Antwort auf die Frage, die dieses Mysterium der Weiblichkeit aufwirft. Wir können jedoch annehmen, dass das hysterische Symptom eine Metonymie oder eine Verdrängung dieser Frage ist. Wir zitieren Lacan in diesem Kontext: 

3) Wenn es mehr hysterische Frauen als hysterische Männer gibt – bekannt aus klinischer Erfahrung - ist das so, weil der Pfad der symbolischen Verwirklichung von Frauen komplizierter ist. Eine Frau zu werden und sich über eine Frau zu wundern sind zwei grundlegend verschiedene Dinge. Ich würde sogar sagen, dass das Infragestellen das Gegenteil des Werdens ist. (Le séminaire III, Les psychoses, Seuil, 1981, p. 200.)

Darius Wesner Estevenson

Né le 25/09/1975 à Port-au-prince, HAÏTI
Marié, 3 enfants.
Diplômes
2013-2012: Master 2 en psychanalyse. Université de Paris 8.
2012-2011: Master 2 en Sciences Humaines/ Philosophie et Critique Contemporaine de la Culture. Université de Paris 8.
2006-2005: Maîtrise en Français Langue Étrangère. Université des Antilles et de la Guyane.
2003-1999: Diplôme en Lettres Modernes à l´École Normale Supérieure de Port-au-Prince.

La psychanalyse, depuis Freud, a été toujours une critique de la civilisation, des sciences humaines. Dans cette perspective, Lacan critique la lois de l´échange monétaire, qui est la base de l´économie capitaliste. Parce que je suis contre la sauvagerie de ce système capitaliste, cette citation sollicite mon attention :

1) Prenez la plus idiote des histoires, celle du monsieur qui, dans une boulangerie, prétend n´avoir rien à payer – il a tendu la main et demandé un gâteau, il rend le gâteau et demande un verre de liqueur, il le boit, on lui demande de payer le verre de liqueur et il dit – J´ai donné un gâteau à la place. - Mais ce gâteau, vous ne l´avez pas payé non plus – Mais je ne l´ai pas mangé. Il y a l´échange. Mais comment a-t-il pu commencer, l´échange ? Il a fallu qu´à un moment quelque chose entre dans le cercle de l´échange. Il fallait donc que l´échange soit établi. C´est-à-dire qu´en fin de compte, on en est toujours à payer le petit verre de liqueur avec un gâteau qu´on n´a pas payé. (Le séminaire livre II, Le moi dans la théorie de Freud et dans la technique de la psychanalyse, Seuil, 1978, p. 273)

Par ailleurs, dans Le séminaire livre III, Lacan attribue la possibilité de la folie à tous, y compris les analystes. J´estime que l´auteur est très subversif et qu´il annonce une mise en question radicale de l´approche psychanalytique voire psychologique de la folie. Voici l´extrait illustratif :

2) Ne savons-nous pas, psychanalystes, que le sujet normal est essentiellement quelqu´un qui se met dans la position de ne pas prendre au sérieux la plus grande part de son discours intérieur ? Observez bien chez les sujets normaux, et par conséquent chez vous-mêmes, le nombre de choses dont c´est vraiment votre occupation fondamentale que de ne pas les prendre au sérieux. Ce n´est peut-être rien d´autre que la première différence entre vous et l´aliéné. Et c´est pourquoi l´aliéné incarne pour beaucoup, sans même qu´il se le dise, là où ça nous conduirait si nous commençons à prendre les choses au sérieux. (Le séminaire Livre III, Les psychoses, Seuil, 1981, p. 140)

Enfin, j´ai été attiré par une citation qui est en quelques sortes une critique du Deuxième sexe de Simone de Beauvoir. Elle pose la complexité des conséquences du complexe d´Œdipe sur le devenir femme et le mystère de la féminité. Il paraît que le symptôme hystérique ne relève pas du devenir femme mais du mystère de la féminité au niveau symbolique. Et l´homme et la femme n´ont pas de réponse à la question que pose ce mystère de la féminité. Toute fois, nous pouvons affirmer dans une grande mesure que le symptôme hystérique est une métonymie ou un déplacement de cette question. Nous citons Lacan dans cette perspective :

3) S´il y a beaucoup plus d´hystériques-femmes que d´hystériques-hommes – c´est un fait d´expérience clinique -, c´est parce que le chemin de la réalisation symbolique de la femme est plus compliqué. Devenir une femme et s´interroger sur ce qu´est une femme sont deux choses essentiellement différentes. Je dirais même plus – c´est parce qu´on ne le devient pas qu´on s´interroge, et jusqu´à un certain point, s´interroger est le contraire de devenir. (Le séminaire III, Les psychoses, Seuil, 1981, p. 200.)

Herzlichen Dank für diese Einführung, wir freuen uns bereits jetzt Alle auf Ihren Leitartikel!


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