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Leitartikel


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Sigmund Freuds Rückkehr nach Wien

Autor/in: Sabrina Zehetner (DWP)

(06.06.2018)
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Am 4. Juni wurde die Sigmund Freud Statue von Oscar Nemon am Campus der Medizinischen Universität Wien enthüllt. Wir haben vor der Enthüllung mit Sigmund Freuds Urenkel Lord David Freud und Lady Aurelia Young, der Tochter des Künstlers, gesprochen.


Interview mit Lord David Freud

Welche Beziehung haben Sie zu Wien?

Lord David Freud: Eine sehr komplizierte Beziehung, da mein Vater (Anton Walter Freud) und der Rest der Familie aus Wien hinausgeworfen wurden – die grundlegende Ursache für seine Verunsicherung. Es war sehr charakterbildend, aber nicht im positiven Sinne. Mein Vater war sehr unsicher, wo auch immer er lebte. Er fühlte sich nie ganz Zuhause, oder dass er zum Vereinigten Königreich gehörte. Er hat den Österreichern nie vergeben, dass sie ihn hinausgeworfen haben. Er kam selten zurück. Natürlich bekam ich diese Gefühle auch als Kind mit, auch wenn dies sehr weit weg war. Ich wurde als englischer Junge erzogen, lernte kein Deutsch. Mein Vater wollte mit der alten Kultur brechen. Ich weiß recht viel über Wiens Geschichte und Erzählungen. Mein Vater lebte am Franz-Josefs-Kai und kam oft vorbei, um Sigmund Freud zu sehen und mein Großvater sah ihn fast täglich. Sie hatten eine sehr enge Beziehung, also habe ich durch all diese Erzählungen eine Mindmap von Wien.


Wie beeinflusste Sigmund Freud Ihr Leben?

Lord David Freud: Wenn so jemand Ihr Verwandter ist, werden Sie entweder ein Anhänger und vergraben sich, aber können nichts ändern, oder Sie machen etwas komplett anderes. Ich denke, dass es keine andere Option gibt. Ich hatte mehrere Karrieren. Ich war Journalist, Banker, Politiker und habe den Portland Trust im Nahen Osten unterstützt. Ich habe viele verschiedene Dinge gemacht, aber nichts hatte mit der Psychoanalyse zu tun. Als ich ein Kind war, las ich seine sehr leserlichen Werke. Ich denke sein Schreibtalent war mit Grund für seine Berühmtheit. Ich kannte Psychologie und Psychoanalyse, die ohne nachzudenken Teil meiner Erziehung waren. Ich fand die Sicht der Psychoanalyse über die Denkweise der Menschen bei zwei großen Angelegenheiten sehr hilfreich. Was ist ihre Psychologie? Was spricht sie an?


Bei welchen Angelegenheiten?

Lord David Freud: Ich glaube, die erste Angelegenheit war eine große Transaktion. Ich musste den Eurotunnel floaten. Ich musste Aktien ausgeben und mein Job war es, den Markt von seinem Wert zu überzeugen. Ich dachte an Marktpsychologie, was damals im Investment sehr verhasst und missachtet wurde. Die zweite Angelegenheit ist viel wichtiger. In den letzten zehn Jahren war ich als Minister für die Sozialhilfereform im Vereinigten Königreich verantwortlich. Ich sollte ein neues Sozialsystem errichten, was natürlich eines der absurdesten Dinge ist - als würde man nach Zeltweg gehen. Ich war für das Design verantwortlich. Die treibende Kraft war die Frage nach der Bildung vom Selbstwert. Ich wollte es Leuten möglich machen ihre Unabhängigkeit zurückzuerlangen.


Gibt es einen Zusammenhang zwischen Politik und Psychoanalyse?

Lord David Freud: Politiker bilden eine sehr kleine Untergruppe, die von Dingen angetrieben sind, von denen normale Menschen nicht angetrieben sind, denke ich. Die wichtigste Lektion für mich war, dass du alles erreichen konntest, was du willst, wenn du das Lob dafür nicht selbst in Anspruch nimmst. Die Psychologie von arbeitenden Politikern besteht darin ihnen Ansehen zu geben, da sie die ganze Zeit nach Erfolg streben.


Wie wichtig ist die Psychoanalyse heute im Vereinigten Königreich?

Lord David Freud: Ich denke nicht, dass die Briten sehr ernsthaft über Psychoanalyse nachdenken. Im Vereinigten Königreich registrieren sie den Namen kaum. Die meisten Leute können den Namen nicht schreiben, weil er aus einem deutschen Vokal besteht. Und die Briten sind unaufgeregt. Wenn ich nach Amerika gehe, drehen sie durch. Es ist eigentlich recht schön, dass man dieses Problem im Großbritannien nicht hat, aber ich denke nicht, dass sie unheimlich interessiert sind. Ich glaube nicht, dass die Freud´sche Psychoanalyse ein großer Markt ist.


Liegt das vielleicht an der Kultur?


Lord David Freud: Natürlich könnte es teils an der stiff upper lip gelegen haben als die Psychoanalyse– in den 40ern, 50ern und 60ern -  die Chance auf Erfolg gehabt hätte. Es gibt jetzt so viel Wettbewerb und ich bin mir ohnehin nicht sicher, was es bedeutet ein reiner freudianischer Psychoanalytiker zu sein. Und ich weiß nicht, wie viele Leute auch in Wien tatsächlich zur Psychoanalyse gehen.


Ist die Psychoanalyse heute noch relevant?

Lord David Freud: Ich denke, dass die Neurowissenschaft schlussendlich das Feld übernehmen wird und wir werden viel mehr darüber Bescheid wissen, wie das Gehirn funktioniert, was von Sigmund Freud selbst prophezeit wurde. Ich denke, er selbst ist heute so eine wichtige Figur auf Grund seines weltweiten kulturellen Einflusses, der transformativ war. Die Menschen sind kleinlich, wenn es um seine Theorien geht, aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist der kulturelle Einfluss der Öffnung von Themen, die nie diskutiert wurden.

 

Interview mit Lady Aurelia Young

Was bedeutet Ihnen die Enthüllung der Statue?

Lady Aurelia Young: Es ist sehr aufregend für mich, weil mein Vater, Oscar Nemon, im Jahr 1936 nach Wien zurückgekehrt ist, um Freud ein weiters Mal zu treffen. 1931 fertigte er eine Skulptur von Freud und eine Büste an, die Freud behielt. 1936 kam er nach Wien zurück, um eine Statue zu fertigen und übernachtete im Hotel de France, aus dem er seiner Freundin schrieb: „Ich mache eine Skulptur von Freud. Er ist ein großartiger Mann. Ich freue mich hier zu sein!“ Aber die Statue kam nie nach Wien. Eine kleinere Version kam nach New York.


Was geschah dann?


Lady Aurelia Young: 1948 entschied Winnicott, dass die Statue in London sein sollte, also wurde Geld gesammelt. Sie wurde in Bronze gegossen und in London platziert. Dann, zwei Jahre später kontaktierte mich die Biographin von Winnicott, Helen Taylor Robinson, um nach der Statue in London zu fragen. Ich erzählte ihr darüber und sagte: „Was ich wirklich will ist, dass die Statue nach Wien kommt, wo sie eigentlich hingehört!“

Robinson kontaktierte Dr. Stephan Doering, der sagte: „Lasst uns die Statue auf dem Campus der Medizinischen Universität Wien errichten, wo Sigmund Freud studiert hat“. Eine neue Statue wurde errichtet und ich hoffe, dass alle Studenten mit ihm sprechen, ihn berühren, ihm Fragen stellen und ihm ihre Probleme erzählen werden.


Welchen Eindruck hat Freud bei ihm hinterlassen?


Lady Aurelia Young: Er hielt ihn für einen großartigen Mann! Er sagte, dass seine Statue in Gold gegossen werden sollte.

Sein Blick war immer sehr ernst.          

Ja, als seine Haushälterin die Büste sah, sagte sie: „Er sieht sehr zornig aus“, und Freud antwortete: „Ich bin wütend. Ich bin wütend auf die Menschheit.“


Wie wichtig, denken Sie, ist Freud heute noch im Vereinigten Königreich?


Lady Aurelia Young: Er wird noch immer sehr geschätzt. Die Zeiten haben sich ein wenig geändert, aber auf ihn wird noch immer verwiesen.


Hat es ihr Leben beeinflusst?


Lady Aurelia Young: Es hat das Leben meines Vaters beeinflusst, und beiläufig auch meines. Ich habe mich keiner Psychoanalyse unterzogen, aber ich bin mir bewusst, dass viele seiner Erkenntnisse zu dieser Zeit notwendig waren und die noch immer nachwirken. Der größte Wunsch meines Vaters war, dass die Statue nach Wien kommt. Allerdings war Wien bisher nicht sehr aufgeschlossen.  Es ist großartig, dass die Statue am 4. Juni, am Tag seiner Flucht vor 80 Jahren, enthüllt wird. Er kehrt an seine Universität zurück.


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