Schweigend schleicht er mir näher,
Schlingt um mich seinen Arm;
Ich will entfliehen,
Er hält mich fester, ich rufe!
Doch niemand kommt...
(Donna Anna in Don Giovanni)
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Musst es eben leiden.
(Heidenröslein, Goethe)
Unordnung und frühes Leid: Nur zu bekannt ist die Geschichte
Freud sah sich in den frühen 1890er Jahren in seiner ärztlichen Tätigkeit häufig mit Patientinnen konfrontiert, die über erlittenen sexuellen Missbrauch durch nahe stehende Personen sprachen. Er nahm diesen Befund zunächst als Hinweis auf alarmierend verbreitete familiäre Gewaltverhältnisse. Doch dann wurde er skeptisch. Vielleicht waren manche Erzählerinnen gar nicht Opfer männlicher Gewalt? Vielleicht hatten sie als kleine Mädchen selbst sexuelle Neugier verspürt und erregende Nähe gesucht?
Freuds befremdliche Skepsis
Freuds Reserve gegenüber den Missbrauchserzählungen befremdet bis heute. Familiäre und sexuelle Gewalt gegen Kinder und Frauen wurden, wie allseits bekannt, strafrechtlich unzureichend erfasst, ungenügend verfolgt und sanktioniert; Selbstzeugnisse von Betroffenen fanden unzureichende Beachtung. Freud schien den Opfern emotionale Teilnahme und unvoreingenommene Resonanz auf die biografische Mitteilung leidvoller Erfahrungen zu verweigern.
Erzählungen über erlittene Gewalt können zu Unrecht ignoriert werden oder Unglauben finden. Auch gilt bekanntlich: Wer mit unmündigen oder abhängigen Personen sexuellen Kontakt aufnimmt, handelt verantwortungslos und macht sich strafbar, auch wenn das Gegenüber sich ermutigend oder verführend verhält.
Andererseits gibt es bekanntlich den sogenannten Missbrauch mit dem Missbrauch, die Falschbezichtigung, die erfundene Missbrauchs- oder Gewaltbiografie und die Falscherinnerungen, die ein Erzähler für wahr hält.
Warum stellten Erzählerinnen sich als Opfer dar?
Ein Hörer kann Erzählungen zu Unrecht glauben und zu Unrecht nicht glauben. Er kann sich von der Überzeugungskraft einer schlüssigen und kohärenten Darbietung zu Unrecht einnehmen lassen und einer befremdlichen Erzählung zu Unrecht den Glauben verweigern. Er kann eine schlüssige und kohärente Darbietung gerade ihrer Glätte und Transparenz wegen zu Unrecht unter Verdacht stellen oder ein Ringen um Worte zu Unrecht als aufrichtiges Darstellungsanliegen begreifen.
Freuds Skepsis könnte - wir wissen es nicht - gelegentlich begründet gewesen sein. Dann aber ist zu fragen, warum bestimmte Erzählerinnen fingierte oder teilweise fingierte Übergriffe schilderten. Freud verstand jetzt gewisse Missbrauchserzählungen in funktionaler Perspektive. Sie seien nachträgliche Umarbeitungen im Sinn psychodynamischer Kompromissbildung. ...